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Finanzen

Die 4%-Regel: Wie viel kannst du dauerhaft von deinem Depot entnehmen?

Die 4%-Regel ist die meistzitierte Zahl in der FIRE-Community — und gleichzeitig die am häufigsten missverstanden. Was sie tatsächlich besagt, wo ihre Grenzen liegen und was das für Anleger in Deutschland bedeutet.

15. August 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
Die 4%-Regel: Wie viel kannst du dauerhaft von deinem Depot entnehmen?

Irgendwann in deinem Leben wirst du aufhören zu arbeiten. Manche wählen diesen Moment, andere erleben ihn ungeplant. In beiden Fällen stellt sich dieselbe Frage: Wie viel Geld darf ich aus meinem Depot entnehmen — Monat für Monat, Jahr für Jahr — ohne es irgendwann aufzubrauchen?

Die Antwort der Finanzwissenschaft lautet seit dreißig Jahren: 4 % im Jahr — zumindest als Ausgangspunkt.

Das klingt nach einer magischen Zahl. Und in gewisser Weise ist sie das. Aber sie basiert auf Jahrzehnten historischer Marktdaten — und sie hat Grenzen, die jeder kennen sollte, der sein Leben um sie herum plant.

Woher die 4%-Regel kommt

1994 veröffentlichte der amerikanische Finanzberater William Bengen eine Studie, die die Finanzwelt veränderte. Er stellte eine simple Frage: Wie viel hätte ein Rentner in der Vergangenheit jährlich entnehmen können, ohne sein Depot innerhalb von 30 Jahren zu erschöpfen?

Bengen wertete US-Marktdaten von 1926 bis 1992 aus — also 66 Jahre mit Kriegen, Krisen, Inflationsschüben und Börsencrashs. Das Ergebnis: Wer zu Beginn des Ruhestands jährlich nicht mehr als 4 % seines Depots entnahm — inflationsbereinigt angepasst — dessen Geld hielt in jedem historischen Szenario mindestens 30 Jahre. In den meisten Szenarien hielt es deutlich länger. Und in vielen endete das Depot nach 30 Jahren mit mehr Geld als zu Beginn.

Diese Zahl — 4 % — wurde später durch die sogenannte Trinity-Studie (1998) bestätigt und verfeinert. Die Forscher Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz analysierten ähnliche Szenarien über unterschiedliche Portfolio-Zusammensetzungen und Zeiträume. Ihr Ergebnis: Ein Portfolio aus 50–75 % Aktien und 25–50 % Anleihen hatte bei 4 % Entnahme eine historische Erfolgsquote von über 95 % über 30 Jahre.

Was die Regel konkret bedeutet

Die 4%-Regel hat zwei Seiten — eine für die Entnahmephase und eine für den Vermögensaufbau.

Entnahmeseite: Wenn dein Depot 500.000 Euro beträgt, kannst du im ersten Jahr 20.000 Euro entnehmen — und diesen Betrag in den Folgejahren um die Inflationsrate anpassen. Im zweiten Jahr bei 2 % Inflation wären das 20.400 Euro, im dritten 20.808 Euro und so weiter. Das Portfolio bleibt in der historischen Betrachtung mit hoher Wahrscheinlichkeit 30 Jahre lang erhalten.

Aufbauseite: Die Regel lässt sich umdrehen — und das ist der Teil, der in der FIRE-Community besonders beliebt ist. Wenn 4 % deiner jährlichen Entnahme entsprechen, dann brauchst du das 25-fache deiner Jahresausgaben als Kapitalstock. Wer 30.000 Euro im Jahr ausgibt, braucht 750.000 Euro. Wer 40.000 Euro ausgibt, braucht eine Million. Das ist die sogenannte FI-Zahl — der Betrag, ab dem theoretisch Arbeiten optional wird.

Drei Missverständnisse, die Pläne gefährden

Missverständnis 1: Die 4%-Regel ist für alle Zeiträume gleich sicher.

Sie wurde für 30-jährige Rentenzeiträume entwickelt — also für jemanden, der mit 65 in Rente geht und bis 95 plant. Wer mit 40 oder 45 in den Ruhestand geht, braucht sein Depot für 50 oder 60 Jahre. Und hier zeigen die Daten: Die Erfolgsquote sinkt. Für 40- bis 50-jährige Entnahmezeiträume empfehlen die meisten Finanzökonomen heute eher 3,25 bis 3,5 % als Ausgangspunkt.

Das klingt nach einem kleinen Unterschied — ist es aber nicht. Bei einem Portfolio von 500.000 Euro ist die Differenz zwischen 4 % und 3,5 % jährlich 2.500 Euro — und das jedes Jahr, inflationsbereinigt über Jahrzehnte.

Missverständnis 2: Die Regel funktioniert unabhängig vom Startzeitpunkt.

Das größte Risiko für Entnahme-Portfolios ist das sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko: die Reihenfolge, in der Renditen auftreten. Wer zu Beginn des Ruhestands einen starken Bärenmarkt erlebt, hat ein strukturelles Problem — nicht weil der Markt langfristig schlecht ist, sondern weil er in der schlimmsten Phase entnimmt und damit Anteile zu niedrigen Kursen verkauft.

Stell dir zwei Rentnerpärchen vor, beide mit 1.000.000 Euro, beide entnehmen 4 % pro Jahr. Pärchen A geht 2009 in Rente — direkt nach dem Crash. Pärchen B geht 2007 in Rente — direkt vor dem Crash. Obwohl beide denselben Markt erleben, enden die Verläufe sehr unterschiedlich. B hat in den ersten Jahren zu tiefen Kursen verkauft und kommt nur schwer wieder auf die Beine.

Die Lösung ist keine andere Entnahmeregel — es ist ein flexibler Entnahmeplan: In schlechten Jahren etwas weniger entnehmen, in guten Jahren etwas mehr. Wer das kann, halbiert das Sequence-of-Returns-Risiko erheblich.

Missverständnis 3: Die Regel gilt auch für deutsche Anleger unverändert.

Die Trinity-Studie basiert auf US-Marktdaten. Und der US-Markt hat historisch zu den besten der Welt gehört — mit einer durchschnittlichen realen Rendite von rund 7 % pro Jahr. Europäische Märkte schnitten in manchen Perioden deutlich schlechter ab.

Wer ausschließlich in deutsche oder europäische Aktien investiert, sollte mit einer konservativeren Entnahmerate planen. Wer dagegen global investiert — in einen MSCI World ACWI oder einen Vanguard FTSE All-World — ist gut diversifiziert und nähert sich dem historischen US-Szenario an.

Dazu kommt in Deutschland ein steuerlicher Faktor: Auf Kapitalerträge fällt Abgeltungssteuer von 26,375 % (inklusive Solidaritätszuschlag). Wer 40.000 Euro entnimmt, davon 20.000 Euro Kursgewinn sind, zahlt auf diesen Gewinn rund 5.275 Euro Steuer. Das ist kein Grund zur Panik — aber es gehört in die Planung.

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Die FI-Zahl berechnen: Ein Beispiel

Eine konkrete Rechnung hilft. Angenommen, du planst im Ruhestand mit 2.500 Euro netto im Monat auszukommen — das sind 30.000 Euro pro Jahr.

Mit der 4%-Regel brauchst du das 25-fache: 750.000 Euro Depot.

Planst du früh in Rente — sagen wir mit 45 — und willst sicherer gehen, rechnest du mit 3,5 %: Das 28,6-fache, also 860.000 Euro.

Beziehst du später gesetzliche Rente (nehmen wir an: 1.200 Euro/Monat, also 14.400 Euro/Jahr), musst du aus dem Depot nur noch den Rest decken: 30.000 − 14.400 = 15.600 Euro. Mit 4 % brauchst du dann ein Depot von 390.000 Euro.

Das sind keine akademischen Zahlen — das ist der Unterschied zwischen „ich brauche noch 20 Jahre” und „ich brauche noch 10 Jahre”. Wer die Rente in die Rechnung einbezieht, verschiebt seine FI-Zahl drastisch nach unten.

Was die 4%-Regel dir nicht sagen kann

Die Regel gibt dir einen Anhaltspunkt. Sie ist kein Versprechen.

Sie kann nicht voraussagen, ob der nächste 30-Jahres-Zeitraum so gut wird wie die letzten 100 Jahre. Sie kann nicht einkalkulieren, ob die Abgeltungssteuer steigt. Sie kann nicht wissen, ob du mit 70 plötzlich mehr Gesundheitskosten hast als geplant.

Was sie dir gibt: eine rationale Grundlage für Planung. Einen Ausgangspunkt, den du anpassen kannst — je nach Risikobereitschaft, Lebenserwartung, anderen Einkommensquellen und dem Verhältnis, das du zur Gewissheit hast.

Wer 3 % entnimmt statt 4 %, hat ein deutlich robusteres Szenario — auf Kosten von 25 % mehr benötigtem Kapital. Wer 4,5 % entnimmt, spart sich Jahren des Vermögensaufbaus — auf Kosten eines höheren Risikos, im schlechtesten Fall das Depot zu erschöpfen.

Die Entscheidung, wo du dich in diesem Spektrum positionierst, ist keine finanzielle — sie ist eine persönliche. Wie wichtig ist dir Sicherheit? Wie flexibel kannst du sein? Gibt es Plan B?

Der erste Schritt: Die eigene FI-Zahl kennen

Die 4%-Regel ist vor allem ein Werkzeug, um eine Frage zu beantworten, die die meisten Menschen nie stellen: Wie viel brauche ich, um aufhören zu können?

Wer das nicht weiß, arbeitet auf ein unbekanntes Ziel zu. Wer es weiß, hat eine Zahl — und Zahlen machen Ziele greifbar. Plötzlich ist es nicht mehr „irgendwann, wenn ich genug habe”, sondern „in 12 Jahren, wenn mein Depot 650.000 Euro erreicht”.

Das verändert die Art, wie du heute Entscheidungen triffst. Wie du sparst. Wie du investierst. Welche Ausgaben du hinterfragst — nicht aus Geiz, sondern weil du weißt, was du dafür tauschst.

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Jonathan Scheele

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