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BlackRock, Vanguard & State Street — wem gehört eigentlich der Markt?

Drei Vermögensverwalter kontrollieren zusammen mehr Kapital als das BIP der USA. Klingt beunruhigend — ist es auch. Aber die Konsequenzen für dich als ETF-Anleger sind anders, als du vielleicht denkst.

29. Juli 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
BlackRock, Vanguard & State Street — wem gehört eigentlich der Markt?

Stell dir vor, drei Unternehmen besitzen zusammen bedeutende Anteile an fast jedem börsennotierten Großkonzern der Welt. An Apple. An Microsoft. An Volkswagen, Siemens, Deutsche Bank. An fast allen Dax-Unternehmen und fast allen S&P-500-Unternehmen gleichzeitig.

Das klingt nach einer dystopischen Übertreibung. Es ist die aktuelle Realität.

BlackRock, Vanguard und State Street — die sogenannte „Big Three” der Vermögensverwaltung — verwalten zusammen über 25 Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Das gesamte Bruttoinlandsprodukt der USA liegt bei rund 27 Billionen Dollar. Die drei Firmen sind damit die größten Einzelaktionäre in einer erschreckend hohen Zahl der weltweit bedeutendsten Unternehmen.

Wie es so weit kam

Der Aufstieg der Big Three ist kein Zufall und kein Ergebnis von Hinterzimmerdeals. Er ist die direkte Konsequenz des Siegeszugs der passiven Geldanlage — also der ETFs und Indexfonds.

Als John Bogle in den 1970er-Jahren Vanguard gründete und den ersten Indexfonds für Privatanleger auflegte, wurde er verlacht. Warum sollte man den Marktdurchschnitt anstreben, wenn man mit cleverer Aktienauswahl den Markt schlagen kann?

Die Antwort der nächsten fünf Jahrzehnte war eindeutig: Weil fast niemand den Markt langfristig schlägt, aber fast jeder über Kosten verliert. Ein Indexfonds, der den Markt abbildet und dabei 0,2 % Gebühren kostet, schlägt nach 20 Jahren die meisten aktiven Fonds mit 1–2 % Gebühren — auch wenn der aktive Fonds im Einzeljahr besser ist.

Das Kapital strömte in Indexfonds. Vanguard, BlackRock (mit iShares) und State Street (mit SPDR) bauten die größten Plattformen. Und da Indexfonds denselben Index abbilden, landete das Kapital automatisch immer wieder in denselben Aktien — und die Big Three wurden zu den größten Aktionären fast jedes großen Unternehmens der Welt.

Was das konkret bedeutet

Nehmen wir Apple als Beispiel. Die größten Einzelaktionäre von Apple sind — in dieser Reihenfolge — Vanguard, BlackRock und State Street. Zusammen halten sie rund 20 % aller Apple-Aktien.

Dasselbe gilt für Microsoft, Amazon, Google-Mutter Alphabet, Tesla, JPMorgan Chase, Johnson & Johnson — und Dutzende weiterer US-Konzerne. In Deutschland sind die Verhältnisse weniger extrem, aber die Richtung ist dieselbe.

Was bedeutet das in der Praxis?

Stimmrechte. Als Aktionäre haben die Big Three Stimmrechte bei Hauptversammlungen. Sie können Vorstände wählen oder abwählen, Vergütungspakete ablehnen, Klimarichtlinien unterstützen oder blockieren. Ihr Einfluss auf Unternehmensführung ist enorm — und wird kontrovers diskutiert.

Preisbildung. Wenn alle Indexfonds denselben Index abbilden, kaufen sie gleichzeitig dieselben Aktien. Bei starken Kapitalzuflüssen in ETFs steigen die Preise der im Index enthaltenen Aktien — unabhängig von den Fundamentaldaten der Unternehmen. Kritiker sprechen von verzerrter Preisfindung.

Marktkonzentration. Da Indexfonds das Gewicht der Unternehmen nach Marktkapitalisierung abbilden, fließt immer mehr Kapital in die größten Unternehmen. Das verstärkt Konzentrationstendenzen: In einem nach Marktkapitalisierung gewichteten MSCI-World-ETF sind US-Technologieunternehmen heute mit über 20 % gewichtet — und die Top 10 Unternehmen machen rund 25 % des gesamten Index aus.

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Ist das ein Problem für ETF-Anleger?

Hier scheiden sich die Meinungen unter Ökonomen — und die Antwort hängt davon ab, was man als „Problem” definiert.

Das systemische Argument: Wenn alle denselben Index kaufen, könnten Markteinbrüche vervielfacht werden, weil alle gleichzeitig verkaufen — zum Beispiel bei massiven ETF-Rückgaben in einer Panik. Dieses Risiko ist real, aber noch nicht quantifizierbar, da passive Investments noch kein vollständiges Marktzyklen überstanden haben, in dem sie so dominant waren wie heute.

Das Wettbewerbs-Argument: Wenn BlackRock größter Aktionär bei Konkurrenten wie United Airlines und Delta ist — haben die dann einen Anreiz, sich wirklich zu bekämpfen? Einige Wirtschaftswissenschaftler sehen darin ein ernstes kartellrechtliches Problem. Die EU-Kommission und das US-Justizministerium schauen zunehmend genauer hin.

Das Governance-Argument: Drei Firmen, die gemeinsam 20 % aller großen Unternehmen besitzen, haben eine Macht über Unternehmensführung, die demokratisch kaum legitimiert ist. Entscheidungen über Klimapolitik, Vorstandsgehälter oder Arbeitsbedingungen bei Millionen von Angestellten werden von Portfoliomanagern in New York, Boston und London mitgetroffen.

Was das für dich als Anleger bedeutet

Das sind reale strukturelle Fragen — aber ihre direkte Relevanz für den ETF-Privatanleger ist begrenzt.

Als ETF-Anleger bist du kein Miteigentümer von BlackRock. Du hast dein Geld in einen Fonds investiert, der Aktien hält — du bist Miteigentümer der Unternehmen im Index, nicht von BlackRock selbst. Wenn BlackRock insolvent würde, wäre dein ETF-Vermögen als Sondervermögen geschützt — es gehört nicht zur Insolvenzmasse.

Die eigentliche Frage für ETF-Anleger lautet: Sollte man wegen der Marktkonzentration auf alternative Indexmethoden umsteigen?

Es gibt ETFs, die nicht nach Marktkapitalisierung gewichten, sondern gleichgewichtet oder fundamental gewichtet sind. Ein Equal-Weight-S&P-500-ETF hält jede Aktie im Index mit demselben Gewicht — also auch kleine Unternehmen genauso stark wie Apple oder Microsoft. Das reduziert die Konzentration auf Tech-Giganten.

Für langfristige Anleger ist das eine relevante, aber keine dringende Entscheidung. Die Konzentrations-Risiken sind real, aber historisch hat ein marktkapitalisierungsgewichteter Index die meisten Alternativen trotzdem übertroffen — weil er automatisch in die wachstumsstarken Unternehmen übergewichtet.

Was man von der Big-Three-Diskussion mitnehmen sollte

Die Dominanz von BlackRock, Vanguard und State Street ist ein ernstes strukturelles Phänomen — politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Es ist legitim, es kritisch zu betrachten und politische Regulierung einzufordern.

Aber: Als Grundlage für die persönliche Anlageentscheidung ist es das falsche Signal. Die Alternative zu breit diversifizierten ETFs ist nicht die Unabhängigkeit von BlackRock und Vanguard — es ist entweder aktives Stockpicking (das nachweislich schlechter funktioniert) oder Rückzug aus dem Aktienmarkt (der historisch die beste Rendite für Langfristanleger bietet).

Wer einen MSCI-World-ETF von iShares (BlackRock) kauft, hat am Ende des Tages sein Geld in über 1.400 Unternehmen weltweit investiert. Er partizipiert an der wirtschaftlichen Leistung dieser Unternehmen — unabhängig davon, welche Firma seinen ETF verwaltet.

Das strukturelle Problem der Big Three ist ein gesellschaftliches — kein persönliches Anlage-Argument dagegen, in ETFs zu investieren.

Fazit: Aufmerksam sein, aber nicht paralysieren lassen

Wer ETFs kauft, sollte die Debatte um Marktkonzentration und den Einfluss der Big Three kennen. Es ist eine der wichtigsten strukturellen Fragen des modernen Kapitalmarkts — und sie wird in den nächsten Jahren politisch und regulatorisch an Bedeutung gewinnen.

Aber wer deswegen aufhört, in ETFs zu investieren, tauscht ein systemisches Makroproblem gegen ein persönliches Mikroproblem: zu wenig Rendite, zu hohe Kosten, zu viel Emotion.

Das sollte keine Anlageentscheidung sein.

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Jonathan Scheele

Jonathan Scheele

Social-Media-Agentur-Inhaber, Entwickler und Betreiber von stackero.de.