Es gibt einen Anlegerfehler, der teurer ist als alle anderen zusammen. Er hat keinen komplizierten Namen, erfordert keine mathematische Formel und ist trotzdem nahezu universell: In Krisenzeiten verkaufen — oder gar nicht erst einsteigen, weil die Lage gerade schlecht aussieht.
Wer Aktien kauft, wenn alles gut läuft, und verkauft, wenn es brenzlig wird, erzielt über lange Zeiträume eine katastrophale Rendite. Und dennoch tun genau das die meisten Anleger — immer und immer wieder.
Der Grund dafür ist keine Frage der Intelligenz. Er liegt in der menschlichen Psychologie.
Was passiert in Krisen mit unserem Gehirn
Im Oktober 2008, mitten in der schlimmsten Finanzpanik seit der Weltwirtschaftskrise, führte der Psychologe Paul Slovic von der University of Oregon eine Echtzeit-Umfrage durch. Fast 600 Teilnehmer wurden befragt, während der Dow Jones an einem einzigen Tag um 778 Punkte einbrach.
Das Ergebnis: 87 % der Befragten gaben an, die Finanzkrise bedrohe die Qualität ihres Lebens stärker als eine Naturkatastrophe. 83 % fürchteten sie mehr als einen Terroranschlag. 74 % verfolgten die Finanznachrichten täglich mindestens eine Stunde lang. 15 % verbrachten täglich vier Stunden oder mehr damit.
Das Erschreckende daran war nicht die Angst selbst — die war angesichts der Umstände verständlich. Das Erschreckende war, was die Angst mit dem Urteilsvermögen machte: 36 % der Befragten erwarteten für die nächsten zwölf Monate keinerlei Gewinn. 5 % glaubten, ihr Portfolio werde in den nächsten zehn Jahren keine Rendite erzielen.
Die Ereignisse von drei Tagen hatten ihre Prognose für ein Jahrzehnt geformt.
Genau das beschreibt der Verhaltensökonom Meir Statman mit dem Satz: „Angst steigert den Pessimismus.” Je mehr wir eine Krise beobachten, desto mehr projizieren wir sie in die Zukunft. Unser Gehirn interpretiert das Sehen von Kurssturz-Grafiken als Beweis dafür, dass es noch schlimmer wird.
Die Geschichte wiederholt sich — und bestraft die Ängstlichen
Nach der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren mied eine ganze Generation von Amerikanern Aktien. Wer jedoch nach dem Crash kaufte und hielt, erzielte in den Folgejahrzehnten spektakuläre Renditen.
Gleiches gilt für jeden großen Rückgang seitdem:
- 2003: DAX auf dem Tiefpunkt bei rund 2.200 Punkten — wer kaufte, verdreifachte seinen Einsatz bis 2007.
- März 2009: DAX bei 3.666 Punkten — bis 2015 Verdoppelung, bis 2020 nahezu Verdreifachung.
- März 2020: DAX kollabiert auf 8.500 in der Corona-Panik — bis Ende 2021 mehr als Verdoppelung.
Jedes Mal sagten Experten und Medien, diesmal sei es anders. Jedes Mal war es nicht anders.
Das Problem: In diesen Momenten fühlt sich der Kauf von Aktien nicht rational an — er fühlt sich dumm an. Die Nachrichten sind schlecht. Die Wirtschaft leidet. Freunde und Kollegen verlieren Geld. Das Gehirn interpretiert Investieren in solchen Momenten als Roulette-Spielen, nicht als rationale Entscheidung.
Dabei ist es umgekehrt. In normalen Zeiten konkurrieren Anleger mit Tausenden klugen, gut ausgerüsteten Profis um dieselben Informationsvorteile. In Krisenzeiten verlassen viele dieser Profis den Markt — weil Kunden ihr Geld abziehen, weil Margin Calls sie zwingen zu verkaufen, weil die interne Compliance es verbietet.
Seth Klarman, einer der angesehensten Value-Investoren der Welt, beschrieb es in der Krise 2008 so: „Normalerweise kämpfst du als Käufer gegen eine Menge sehr, sehr kluger Konkurrenten. Aber jetzt sind viele der Klügsten an der Seitenlinie — wegen Rücknahmen, Margin Calls oder panischem Verkaufen. Du musst nicht so klug sein wie früher. Du musst nur im Spiel bleiben.”
Was du wirklich brauchst: Kapital und Mut
Das klingt einfacher als es ist. Aber der Punkt ist: In Krisen ist der Wettbewerbsvorteil des gewöhnlichen Anlegers nicht sein Wissen oder seine Analyse — es ist seine Bereitschaft, überhaupt noch kaufen zu wollen.
Für deutsche Anleger ist diese Einsicht besonders relevant. Deutschland hat eine der niedrigsten Aktionärsquoten in Europa. Nach Daten des Deutschen Aktieninstituts (DAI) besitzt nur etwa jeder sechste Deutsche direkt oder über Fonds Aktien. In Krisenzeiten sinkt diese Zahl weiter. Die Angst vor Verlusten ist tief in der deutschen Anlegerpsychologie verankert — geprägt durch historische Inflationstraumata und zwei Währungsreformen im 20. Jahrhundert.
Das bedeutet: Der deutsche Anleger, der in einer Krise investiert, hat statistisch besonders wenig Konkurrenz.
Dividenden vs. Anleihen als Signal
Ein klassisches Signal für außergewöhnliche Kaufgelegenheiten ist die Relation zwischen Dividendenrendite und Anleiherendite. Wenn Aktien mehr ausschütten als sichere Staatsanleihen verzinsen, ist das historisch ein Zeichen extremer Unterbewertung.
In der Krise 2008 zahlte der Dow Jones eine Dividendenrendite von 3,14 % — während fünfjährige US-Staatsanleihen nur 2,68 % brachten. Solche Konstellationen sind selten und haben sich in der Vergangenheit fast immer als Kaufgelegenheit erwiesen.
Im deutschen Kontext: Während der Corona-Panik 2020 lagen viele DAX-Dividendenrenditen kurzzeitig weit über dem Niveau zehnjähriger Bundesanleihen. Wer damals kaufte, erzielte in den Folgemonaten außergewöhnliche Gewinne.
Die Strategie: Rebalancing statt Markttiming
Die gute Nachricht ist, dass du nicht versuchen musst, den exakten Tiefpunkt zu treffen. Das schafft niemand verlässlich.
Was du tun kannst, ist einfacher und funktioniert nachweislich:
Schritt 1: Rebalancing. Wenn dein Portfolio ursprünglich zu 70 % aus Aktien und 30 % aus Anleihen/Tagesgeld bestand und durch einen Crash auf 55 % / 45 % gerutscht ist — kaufe Aktien nach, bis das ursprüngliche Verhältnis wiederhergestellt ist. Du kaufst automatisch mehr, wenn Aktien günstiger sind, und weniger, wenn sie teurer sind.
Schritt 2: Sparplan beibehalten. Wer einen ETF-Sparplan hat und ihn in Krisenzeiten laufen lässt, kauft automatisch mehr Anteile zu niedrigen Preisen. Dieser Mechanismus — Cost Averaging — funktioniert gerade in volatilen Märkten am besten. Wer seinen Sparplan pausiert oder stoppt, verzichtet auf die günstigsten Kaufzeitpunkte.
Schritt 3: Wunschliste nutzen. Schreibe dir in ruhigen Zeiten zehn Unternehmen oder Märkte auf, die du gerne günstiger besitzen würdest. Wenn es crasht, ist die Chance groß, dass sie auf Ihrer Liste billig geworden sind. Emerging Markets, Rohstoffunternehmen, Versorger — in großen Marktverwerfungen werden auch strukturell starke Unternehmen mit nach unten gerissen.
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Das psychologische Paradox des Mutvollen Kaufens
Hier liegt der Kern: In Krisen ist der Kauf von Aktien nicht nur finanziell rational — er ist psychologisch kontraintuitiv. Das Gehirn erlebt Kursverluste als Schmerz. Mehr davon zu kaufen, fühlt sich an wie das Gegenteil von Schmerzreduktion.
Behavioral-Finance-Forscher nennen das Verlustaversion: Menschen gewichten Verluste rund doppelt so stark wie gleichgroße Gewinne. Ein Minus von 1.000 Euro schmerzt stärker als ein Plus von 1.000 Euro Freude bereitet.
In Bullenmärkten fühlt sich Kaufen gut an. In Bärenmärkten fühlt es sich schlecht an — obwohl es genau dann am sinnvollsten ist.
Das ist kein Zufall. Es ist eine Eigenschaft von Märkten, die aus menschlichen Emotionen bestehen. Weil die Mehrheit in Krisenzeiten verkauft oder sich fernhält, entstehen die Unterbewertungen, von denen geduldige Anleger profitieren.
Der Finanzprofessor und Buchautor Benjamin Graham — auf den wir im nächsten Artikel noch ausführlicher eingehen — beschrieb es so: Der Markt ist dein Diener, nicht dein Meister. Er bietet dir täglich an, deine Aktien zu kaufen oder dir welche zu verkaufen. Du musst nicht auf sein Angebot eingehen. Aber wenn er panisch unter Wert verkauft, kannst du kaufen.
Was die Daten sagen
Laut einer Analyse von J.P. Morgan Asset Management sind die zehn besten Börsentage eines Jahrzehnts für einen Großteil der Gesamtrendite verantwortlich. Wer diese zehn Tage verpasst, weil er in einer Panikphase aus dem Markt gegangen ist, erzielt über 20 Jahre einen Bruchteil der Rendite eines passiven Investors.
Das Problem: Diese besten Tage liegen häufig direkt nach den schlechtesten. Wer verkauft, wenn es am schlimmsten ist, ist oft noch draußen, wenn die Erholung beginnt.
Eine Studie von Dalbar zeigt, dass der durchschnittliche Fondsanleger in den USA über 20 Jahre eine Rendite von etwa 4 % pro Jahr erzielte — obwohl der Markt in dieser Zeit rund 9–10 % pro Jahr brachte. Der Unterschied entstand fast vollständig durch schlechtes Market-Timing: Kaufen, wenn es gut läuft. Verkaufen, wenn Panik herrscht.
Für Deutschland liegen vergleichbare Zahlen vor: Anleger in aktiv verwalteten Fonds erzielten laut BVI-Statistiken über 15 Jahre in der Regel deutlich niedrigere Renditen als der zugrunde liegende Index — selbst vor Kosten oft wegen des schlechten Timings von Ein- und Ausstieg.
Praktische Schlussfolgerung
Niemand fühlt sich gut, wenn er Aktien kauft, während die Kurse fallen und die Schlagzeilen apokalyptisch sind. Das Ziel ist nicht, sich gut zu fühlen. Das Ziel ist, langfristig Vermögen aufzubauen.
Die Formel ist nicht kompliziert, aber sie erfordert Disziplin:
- Sparplan nicht pausieren, wenn Kurse fallen
- Rebalancing mechanisch durchführen, ohne Rücksicht auf aktuelle Stimmung
- Kapital für Krisenmomente zurückhalten — als “Dry Powder”
- Nachrichten reduzieren, wenn die Panik am lautesten ist
Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Samuelson sagte einmal: „Investieren sollte so aufregend sein wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. Wenn du Aufregung willst, nimm 800 Dollar nach Las Vegas.”
Langeweile ist keine schlechte Anlage-Eigenschaft. Mut zum Kaufen in schlechten Zeiten — kombiniert mit der Geduld, sitzen zu bleiben, bis sich der Markt erholt — ist die Strategie, die historisch fast immer gewonnen hat.
Die Frage ist nicht, ob der nächste Crash kommt. Er kommt. Die Frage ist nur, ob du dann kaufst oder verkaufst.
Was Studien über die besten Kaufzeitpunkte zeigen
Neben dem historischen Rückblick gibt es eine wachsende Zahl von quantitativen Studien, die den Wert des Investierens in Angstphasen präziser beschreiben.
Eine Analyse von Bank of America zeigt: Wer zwischen 1930 und 2020 die zehn besten Handelstage pro Dekade verpasst hat, erzielte eine jährliche Rendite von lediglich 1,8 % — statt 17,2 % bei vollständiger Investition. Die entscheidende Beobachtung: Die besten Tage lagen statistisch überproportional häufig in den ersten Wochen nach Markttiefpunkten. Wer in der Panik verkaufte, war in diesen Momenten nicht mehr dabei.
Eine Morningstar-Studie für den europäischen Markt untersuchte, wie sich Anleger verhalten haben, die in den schlechtesten zehn Börsenmonaten der letzten dreißig Jahre nicht investiert waren. Das Ergebnis: Sie verpassten einen Großteil der anschließenden Erholung — und erzielten langfristig Renditen, die erheblich unter Buy-and-Hold lagen.
Für den deutschen Markt zeigt eine Auswertung des Deutschen Aktieninstituts, dass langfristig orientierte DAX-Anleger — also solche, die mindestens fünfzehn Jahre hielten — in keinem einzigen historischen Zeitraum einen Verlust erlitten haben. Egal wann sie einstiegen, egal wie schlecht das Timing war: Wer fünfzehn Jahre blieb, gewann.
Die Psychologie des Kassehaltens und warum sie teuer ist
Es gibt eine weit verbreitete Überzeugung: Wer Kasse hält, ist sicher. Wer Cash hat, kann bei Rücksetzer günstig einsteigen. Das klingt vernünftig und ist empirisch fast immer falsch.
Das Problem mit dieser Strategie hat einen Namen: Cash Drag. Während du auf den “richtigen Zeitpunkt” wartest, läuft der Markt möglicherweise weiter hoch — und der verpasste Aufstieg holt sich einen Teil deiner künftigen Rendite bereits ab.
Vanguard hat untersucht, ob Lump-Sum-Investition (alles auf einmal) oder schrittweises Investieren über zwölf Monate besser abschneidet. In etwa zwei Dritteln aller historischen Zeiträume gewann die Einmalinvestition — weil Märkte statistisch häufiger steigen als fallen.
Das bedeutet nicht, dass Timing nie funktioniert. Es bedeutet, dass es im Durchschnitt nicht funktioniert — und dass die meisten Anleger, die auf einen besseren Einstiegszeitpunkt warten, am Ende teurer einsteigen als wenn sie sofort investiert hätten.
Warum gerade deutsche Anleger besondere Vorsicht walten lassen
Deutschland hat eine besondere Anlegerpsychologie. Die Erfahrungen der Hyperinflation 1923 und des Währungsschnitts 1948 haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Geld in Papierform kann wertlos werden. Das ist eine Erfahrung, die in Deutschland lebendiger ist als in den meisten anderen Ländern.
Das Ergebnis ist kulturelle Skepsis gegenüber Aktien und Präferenz für Sachwerte und sichere Zinsprodukte. Das ist historisch verständlich. Aber es hat seinen Preis.
Das Deutsche Aktieninstitut schätzt, dass deutsche Privatanleger durch die Meidung von Aktien langfristig erheblich Rendite haben stehen lassen — Kapital, das in Sparbüchern und Lebensversicherungen schlief, während Aktionäre anderswo vom weltweiten Wirtschaftswachstum profitierten.
Nicht investieren ist auch eine Entscheidung — und langfristig oft die riskantere.