Es gibt eine Form von Rendite, die so aussieht wie echte Rendite — aber es nicht ist. Man könnte sie „selbsterzeugte Rendite” nennen. Fachleute sprechen von „Flow-driven Returns”. Der Finanzjournalist Jason Zweig nannte das Phänomen den „Fluch der selbstinflatierten Renditen”.
Das Prinzip klingt paradox, ist aber empirisch gut belegt: Wenn ein Fonds oder ETF sehr gut performt und dadurch neue Milliarden anzieht, kann diese Kapitalzufluss die Kurse der enthaltenen Aktien weiter nach oben treiben — und so eine Weile lang noch bessere Renditen erzeugen. Der Erfolg ist dann zum Teil selbsterfüllend.
Das Problem: Die Anleger, die zuletzt eingestiegen sind — angezogen genau durch diese gute Performance — sitzen auf einem Fundament aus Luft. Sobald die Zuflüsse versiegen oder sich umkehren, bricht die künstliche Kursstütze weg.
Was dein ETF hält — und wer ihn sonst noch hält
Die intuitive Sicht auf einen ETF ist simpel: Du kaufst einen Korb von Aktien. Wenn die Aktien gut laufen, läuft dein ETF gut. Wenn sie schlecht laufen, läuft er schlecht.
Aber Zweig beschreibt eine zweite Dimension, die Anleger fast immer ignorieren: Es kommt nicht nur darauf an, was dein ETF hält — sondern auch, wer ihn noch hält.
Wenn ein Branchen-ETF — sagen wir auf AI-Aktien oder Kryptounternehmen — gerade 80 % in zwölf Monaten zugelegt hat, zieht er wie ein Magnet neue Anleger an. Diese Anleger kaufen Anteile des ETFs. Der ETF-Anbieter muss die zugrunde liegenden Aktien kaufen, um das neue Kapital zu investieren. Diese Nachfrage treibt die Aktienkurse weiter hoch. Der ETF steigt weiter. Die Rendite steigt — nicht weil die Unternehmen plötzlich mehr wert sind, sondern weil mehr Geld in dieselben Aktien fließt.
Für alle, die früh drin waren, funktioniert das wunderbar. Für die Nachzügler — die den ETF kaufen, weil er schon so gut gelaufen ist — ist es eine Falle.
Das Momentum-Paradox
Momentum ist eine der am besten dokumentierten Anomalien in der Finanzmarktforschung: Aktien oder Fonds, die in den letzten Monaten gut liefen, laufen statistisch überdurchschnittlich häufig auch in den nächsten Monaten gut. Das ist kein Geheimnis.
Aber Momentum hat eine Halbwertszeit. Irgendwann dreht es. Und wenn es dreht, ist der Absturz oft genauso steil wie der Aufstieg — manchmal steiler, weil die Anleger, die wegen der guten Performance eingestiegen sind, bei schlechter Performance besonders schnell wieder aussteigen.
Das Ergebnis: Hot Funds tendieren dazu, in kurzer Zeit sehr viel Kapital anzuziehen — und dieses Kapital sitzt genau dann drin, wenn sich der Wind dreht.
SPIVA-Daten zeigen: Fonds, die sich in einem Jahr im Top-Quartil befinden, landen im nächsten Jahr überdurchschnittlich häufig im untersten Quartil. Der Effekt ist robust und gilt für Aktienfonds, Anleihenfonds und thematische ETFs gleichermaßen.
Ein historisches Muster mit vielen Gesichtern
Dieses Muster hat in der Finanzgeschichte immer wieder Anleger ruiniert. Die Gesichter ändern sich, die Struktur bleibt.
Clean Energy, 2020–2021: Der iShares Global Clean Energy ETF stieg 2020 um 140 %. Milliarden flossen hinein. Dann, 2021 und 2022: −50 %. Die Anleger, die nach dem Kursanstieg einstiegen, verloren die Hälfte.
ARK Innovation ETF, 2020: Cathie Woods Fonds stieg 2020 um fast 150 %, zog über 20 Milliarden Dollar an. Über die nächsten zwei Jahre: −75 % vom Höchststand. Ein Großteil des eingezahlten Kapitals war vernichtet.
Krypto-ETFs und Bitcoin-Produkte, 2021: Nach dem Bitcoin-Allzeithoch im November 2021 starteten viele neue Bitcoin-ETPs. Anleger stiegen ein. Bitcoin halbierte sich in 2022.
Das Muster ist immer dasselbe: Produkt steigt stark → Medien berichten → Anleger strömen hinein → Produkt fällt → Anleger haben eine schlechtere Rendite als das Produkt selbst.
Dieser letzte Punkt ist entscheidend: Die Anlegerrendite (money-weighted return) des ARK ETF war in diesem Zeitraum deutlich schlechter als die Fondsrendite — weil das meiste Kapital in der Hochphase einstieg und in der Absturzphase litt.
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Was „selbstinflationierte Rendite” konkret bedeutet
Zweig prägte den Begriff für Fälle, in denen ein Fonds Renditen ausweist, die zumindest teilweise durch eigene Kapitalzuflüsse verursacht wurden — nicht durch die Leistung der gehaltenen Unternehmen.
Das Mechanismus funktioniert bei ETFs etwas anders als bei aktiven Fonds:
Bei aktiven Fonds kauft der Manager Aktien nach eigenem Ermessen. Wenn Kapital zufließt und er in bereits gehaltene Positionen kauft, treibt er deren Kurs — aber das ist schwer zu isolieren.
Bei ETFs ist der Mechanismus transparenter: Der ETF muss bei Kapitalzufluss pro rata die enthaltenen Aktien kaufen. Bei einem konzentrierten Themen-ETF — der z. B. nur 20 Aktien aus einem engen Segment hält — kann dieser Kaufdruck erheblich sein. Die Aktien steigen, der ETF steigt, der Marketing-Prospekt sieht großartig aus.
Das ist kein Betrug. Aber es ist ein strukturelles Problem, das Anleger kennen sollten.
Wie du dich schützt
1. Auf den Zeitpunkt des Kapitalzuflusses achten.
Bevor du in einen ETF investierst, der gerade stark performt hat: Schau dir an, wann das meiste Kapital hereinkam. Wenn der Fonds vor einem Jahr 2 Milliarden verwaltete und jetzt 10 Milliarden — das heißt, 80 % des Kapitals ist auf dem Hochpunkt eingestiegen. Das ist ein Warnsignal.
Morningstar und andere Anbieter veröffentlichen Mittelzufluss-Daten für ETFs und Fonds. Ein kurzer Blick auf diese Daten sagt oft mehr als die Performance-Grafik.
2. Themen-ETFs mit Vorsicht behandeln.
Breite Markt-ETFs (MSCI World, S&P 500) halten Hunderte oder Tausende von Aktien. Der Kauf- und Verkaufsdruck eines einzelnen Anlegers ist verschwindend gering. Bei einem engen Themen-ETF mit 20–30 Aktien ist das anders.
Wer in thematische ETFs investiert — AI, Wasserstoff, Cybersecurity, Cannabis, Krypto — sollte wissen, dass diese Nischen anfälliger für das Hot-Fund-Phänomen sind.
3. Performance-Zeitraum kritisch lesen.
„+ 80 % in 12 Monaten” klingt beeindruckend. Aber: Wann genau? Wenn der ETF von Januar bis Dezember 2023 80 % gemacht hat und du im Februar 2024 kaufst, hast du die Rallye bereits verpasst. Du steigst ein, wenn andere aussteigen.
Immer prüfen: Wie hat sich der ETF in den letzten 1, 3 und 5 Jahren entwickelt — und wann war der Großteil der Rendite?
4. Den breiten Markt als Anker nutzen.
Der bewährteste Schutz gegen den Hot-Fund-Fluch ist ein langweiliges, breit diversifiziertes Kern-Portfolio — ein MSCI World oder ein globaler All-World ETF. Dieser ist per Definition nicht in der Lage, ein extremes Hot-Fund-Muster zu entwickeln, weil er zu viele Aktien hält und zu groß ist.
Themen-ETFs können als kleine Beimischung funktionieren — aber nie als Kern eines Portfolios.
Die psychologische Falle dahinter
Das Hot-Fund-Phänomen ist nicht nur ein strukturelles Problem — es ist zutiefst psychologisch. Menschen suchen nach Bestätigung, dass eine Entscheidung gut war. Ein ETF, der in letzter Zeit gut performt hat, fühlt sich nach guter Entscheidung an. Das ist intuitiv — und gefährlich.
Der Verhaltensökonom Robert Shiller hat gezeigt, dass Preisbewegungen selbst Geschichten erzeugen, die sie zu erklären scheinen. Wenn Nvidia stark steigt, berichten Medien über KI und Chips. Wenn Anleger das lesen, fühlt es sich rational an, in Nvidia oder AI-ETFs zu investieren. Aber der Anstieg war oft schon vor der öffentlichen Diskussion — und die öffentliche Diskussion zieht genau die Anleger an, die den Anstieg nicht mehr erleben werden.
Die Lektion: Gute vergangene Performance eines Produkts ist kein Qualitätsmerkmal. Sie ist ein Marketingmerkmal. Und Marketing verkauft — aber es macht niemanden reich.
Fazit: Den Fluss beobachten, nicht nur die Rendite
Was deinen ETF antreibt, ist wichtig. Aber wer ihn noch kauft — und in welchem Ausmaß — ist genauso wichtig.
Ein ETF, der hauptsächlich von institutionellen Langfristanlegern gehalten wird, ist stabiler als einer, der von Retail-Investoren in einer Momentum-Phase geflutet wurde. Ein ETF mit konstantem, organisch wachsendem Mittelzufluss über Jahre ist solider als einer, der in zwölf Monaten sein Volumen verfünffacht hat.
Diese Informationen sind öffentlich zugänglich — aber sie stehen nicht im Performance-Chart. Man muss sie aktiv suchen.
Wer das tut, hat einen echten Vorteil gegenüber der Mehrheit der Anleger, die nur auf die Zahl „+ 80 %” schauen und einsteigen.
Das Volumen-Problem: Wenn Fonds zu groß für ihre Strategie werden
Es gibt ein verwandtes Phänomen, das ebenfalls durch den Hot-Fund-Effekt verursacht wird: Fonds werden durch Kapitalzuflüsse so groß, dass ihre ursprüngliche Strategie nicht mehr funktioniert.
Ein kleiner Micro-Cap-Fonds, der in 50 kleine Unternehmen investiert, kann in jedem dieser Unternehmen signifikante Positionen aufbauen — und dadurch echten Mehrwert durch aktive Analyse erzielen. Wenn dieser Fonds 50 Millionen Euro verwaltet, ist das machbar.
Wenn er durch gute Performance und Kapitalzuflüsse auf 5 Milliarden Euro anwächst, ist die Strategie tot. Er kann nicht mehr in dieselben kleinen Unternehmen investieren, ohne deren Kurs selbst durch seinen Kauf zu bewegen (Marktimpakt). Er muss auf größere, liquidere Aktien ausweichen — und wird dabei faktisch zum teuren Indexfonds.
Bill Miller hat dieses Problem bei Legg Mason selbst erlebt. Als sein Fonds nach der Erfolgsserie massiv gewachsen war, wurde es schwieriger, dieselben Returns zu erzielen — nicht weil seine Fähigkeiten schlechter wurden, sondern weil das Volumen die Strategie einschränkte.
Für Privatanleger: Wenn ein Fonds in kurzer Zeit extrem schnell gewachsen ist, ist das ein Warnsignal — nicht ein Qualitätsmerkmal. Die Strategie, die zu den guten Renditen geführt hat, wird möglicherweise durch den Erfolg selbst zerstört.
Wie du Flow-Daten für deine Fondsanalyse nutzt
Wer aktive Fonds oder thematische ETFs in Betracht zieht, sollte neben Performance immer auch Mittelzuflüsse prüfen. Diese Daten sind für deutsche Fonds öffentlich zugänglich.
Morningstar: Zeigt für jeden Fonds historische Mittelzuflüsse und -abflüsse. Wenn ein Fonds in einem Jahr sein Volumen verdoppelt hat, ist das relevant.
Fondsprospekte und Halbjahresberichte: Enthalten oft Informationen über das verwaltete Vermögen im Zeitverlauf.
Broker-Plattformen: Viele zeigen Popularitätstrends — welche ETFs gerade besonders viele Käufer haben. Diese Daten können auch als Kontraindikator dienen.
Die Frage ist einfach: Wann ist das Kapital in diesen Fonds geflossen? Wenn der Großteil nach einem starken Anstieg hereinkam, sitzen viele Anleger auf Positionen, die teuer eingekauft wurden — und möglicherweise bei einer Trendwende schnell verkaufen.
Das Rückseite des Erfolgs: Fonds, die geschlossen wurden
Ein weiteres Muster, das mit dem Hot-Fund-Phänomen zusammenhängt: Fonds, die nach einer Euphoriephase geschlossen oder fusioniert wurden.
Der ARK Innovation ETF zog nach seiner 2020er-Performance Milliarden an — und verlor in den folgenden Jahren über 70 % seines Wertes. Viele thematische ETFs aus der Cannabis- und Marijuana-Welle 2019 existieren heute nicht mehr. Clean-Energy-ETFs, die 2021 rekordartige Zuflüsse verzeichneten, wurden teilweise aufgelöst.
Diese Geschichten enden leise — mit einer Fondsfusion oder Schließung. Anleger, die drin waren, haben entweder mit Verlust verkauft oder wurden in ein anderes Produkt überführt. Die Rendite dieser geschlossenen Fonds erscheint nicht mehr in Vergleichen (Survivorship Bias).
Bevor du in einen Fonds investierst: Schaue nach, wie lange er existiert. Fünf Jahre? Zehn Jahre? Wenn er jung ist und wenig Track Record hat — aber tolle Backtest-Renditen zeigt — ist das ein Warnsignal.