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ETFs kaufen und nichts tun: Die einfachste Strategie – und warum so viele sie ruinieren

Indexfonds sind simpel, günstig und schlagen langfristig fast jeden aktiven Manager. Trotzdem erzielen viele ETF-Anleger schlechtere Renditen als der ETF selbst. Woran das liegt – und wie du es vermeidest.

18. Juli 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
ETFs kaufen und nichts tun: Die einfachste Strategie – und warum so viele sie ruinieren

Es gibt eine Anlagestrategie, die seit Jahrzehnten wissenschaftlich belegt ist. Sie ist billig, steuereinfach und schlägt langfristig fast jeden aktiven Fondsmanager. Sie erfordert kein Fachwissen, keine tägliche Analyse und keine emotionale Stärke — zumindest theoretisch.

Die Strategie heißt: Indexfonds kaufen, halten, nichts tun.

Und trotzdem erzielen viele Anleger mit ETFs schlechtere Renditen als der ETF selbst.

Das ist kein Widerspruch. Es ist das Kernproblem des modernen Privatanlegers: Investieren ist einfach — aber es ist nicht leicht.

Das Problem mit dem Cocktailparty-Effekt

Stell dir folgendes Szenario vor. Du bist auf einem Grillabend. Ein Bekannter erzählt begeistert, dass er in diesem Jahr 40 % mit Nvidia-Aktien gemacht hat. Ein anderer hat einen Geheimtipp bekommen und 3.000 Euro in einen AI-Micro-Cap gesteckt. Alle haben Meinungen. Alle handeln.

Und du? Du hast einen MSCI World ETF-Sparplan, der seit drei Jahren läuft. Du hast nicht einen einzigen Trade gemacht.

Was sagst du? „Ich halte einfach meinen ETF”?

Diese soziale Dynamik ist real — und sie ist einer der Hauptgründe, warum selbst überzeugte Index-Investoren plötzlich anfangen zu handeln. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er will dazugehören. Er will etwas beizutragen haben. Und in einer Welt, in der FinTok, Reddit und Börsenchats rund um die Uhr Kursbewegungen diskutieren, fühlt sich passives Investieren langweilig an — fast schon naiv.

Der Finanzjournalist Jason Zweig beschreibt es so: ETFs haben Investieren simpel gemacht — aber nicht leicht. Die Verlockung, einen Indexfonds zu handeln, wächst genau dann, wenn du eigentlich nichts tun solltest.

Was wirklich passiert: Anleger vs. Fonds-Rendite

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Rendite eines Fonds und der Rendite, die Anleger tatsächlich erzielen.

Die Fondrendite misst, wie sich der ETF über einen Zeitraum entwickelt hat — also was jemand verdient hätte, der am Anfang kaufte und am Ende verkaufte.

Die Anlegerrendite (auch: „Money-Weighted Return”) misst, was die durchschnittliche investierte Euro tatsächlich verdient hat — unter Berücksichtigung aller Zu- und Abflüsse.

Das Institut Dalbar erhebt diese Zahlen seit Jahrzehnten für den US-Markt. Das Ergebnis ist jedes Jahr dasselbe: Anleger erzielen deutlich weniger als der Markt. Über zwanzig Jahre lag die durchschnittliche jährliche Anlegerrendite bei US-Aktienfonds regelmäßig 2–3 Prozentpunkte unter der Marktrendite.

Der Grund ist immer derselbe: Anleger kaufen, wenn Kurse gestiegen sind und Begeisterung herrscht. Sie verkaufen, wenn Kurse gefallen sind und Panik herrscht. Sie tun genau das Falsche — und zwar systematisch.

Dieses Phänomen betrifft nicht nur aktive Aktienfonds. Es betrifft auch ETFs. Wer seinen MSCI World ETF in der Corona-Panik 2020 verkaufte und erst Monate später wieder einstieg, verpasste einen der schnellsten Marktaufschwünge der Geschichte. Sein ETF hatte eine sehr gute Performance — er selbst nicht.

Die drei häufigsten ETF-Fehler

Fehler 1: Den Sparplan pausieren, wenn Kurse fallen.

Das ist intuitiv — und katastrophal. Wenn Kurse fallen, kauft ein laufender Sparplan mehr Anteile zum günstigeren Preis. Genau das ist der Mechanismus, der langfristig zu höheren Renditen führt. Wer pausiert, spart sich nicht Verluste — er spart sich günstige Einkaufspreise.

Eine Simulation mit dem MSCI World zeigt: Wer in der Corona-Krise 2020 drei Monate pausierte (März bis Mai), kaufte in dieser Zeit null Anteile zu den günstigsten Kursen des Jahrzehnts. Wer weitermachte, baute in diesen Monaten die Grundlage für außerordentliche Gewinne in den Folgejahren.

Fehler 2: Den ETF wechseln, weil ein anderer besser performt hat.

Jedes Jahr gibt es einen ETF oder Sektor, der alle anderen schlägt. 2023 waren es AI-Aktien und US-Tech. 2022 waren es Energie-Aktien. 2020 Clean Energy. Wer immer in den Vorjahressieger umschichtet, kauft teuer und verkauft günstig — der klassische Momentum-Fehler.

Die SPIVA-Studie (S&P Dow Jones Indices) zeigt: Fonds, die in einem Jahr zu den Top-Performern gehören, landen in den Folgejahren überdurchschnittlich oft am unteren Ende der Rangliste. Vergangene Performance ist kein verlässlicher Indikator für zukünftige Outperformance — das gilt für aktive Fonds, aber auch für ETF-Sektoren.

Fehler 3: Zu viele ETFs kaufen.

Ein MSCI World ETF enthält bereits über 1.400 Unternehmen aus 23 Ländern. Wer zusätzlich einen MSCI Emerging Markets, einen S&P 500, einen Nasdaq 100 und einen globalen Small-Cap kauft, hat vier ETFs — und eine massive Überschneidung. US-Tech macht dann möglicherweise 60–70 % des gesamten Portfolios aus, ohne dass das beabsichtigt war.

Mehr ETFs fühlen sich nach mehr Diversifikation an. Oft ist es nur mehr Komplexität — und mehr Anlässe, etwas falsch zu machen.

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Was „nichts tun” konkret bedeutet

„Nichts tun” klingt passiv. Es ist es nicht. Es ist eine aktive Entscheidung, nicht auf jedes Signal zu reagieren — und das erfordert mehr Disziplin als die meisten Handelsentscheidungen.

Regel 1: Sparplan automatisieren. Wenn die monatliche Ausführung automatisch passiert, entfällt die Entscheidung, ob du diesen Monat kaufst. Die Entscheidung ist bereits getroffen. Das schützt dich vor dir selbst in Momenten der Unsicherheit.

Regel 2: Depot-App-Frequenz reduzieren. Studien zeigen, dass Anleger, die ihr Portfolio seltener beobachten, ruhiger reagieren und langfristig bessere Renditen erzielen. Tägliches Checken erzeugt emotionalen Lärm, der zu schlechten Entscheidungen verführt.

Regel 3: Rebalancing-Schwelle festlegen, nicht Datum. Statt monatlichem oder jährlichem Rebalancing: Rebalanciere, wenn eine Asset-Klasse um mehr als 5 oder 10 Prozentpunkte von der Zielallokation abweicht. Das erzwingt Disziplin ohne unnötige Transaktionskosten.

Regel 4: Schriftlicher Investmentplan. Schreibe einmal auf: Warum investierst du in diesen ETF? Was ist dein Zeithorizont? Unter welchen Umständen würdest du verkaufen? Wenn die Panik kommt, lies den Plan. Er repräsentiert dich in einem rationalen Moment.

Das Paradox des einfachen Investierens

Hier liegt das zentrale Paradox: Die einfachste Anlagestrategie der Welt ist gleichzeitig psychologisch eine der schwierigsten.

Wer eine komplizierte Aktienanalyse macht, ein Discounted-Cashflow-Modell erstellt und dann kauft, hat das Gefühl, etwas getan zu haben. Er fühlt sich im Einklang mit dem Ergebnis, egal wie es läuft.

Wer einfach einen ETF-Sparplan anlegt und dann zehn Jahre nichts tut, hat kein Gefühl der Kontrolle. Und in Krisenzeiten — wenn Kurse fallen, Schlagzeilen apokalyptisch werden und Freunde ihr Geld aus dem Markt nehmen — dann ist dieses Nicht-Handeln extrem schwer.

Aber genau in diesem Nicht-Handeln liegt der Wettbewerbsvorteil des Privatanlegers gegenüber dem Profi.

Professionelle Fondsmanager müssen handeln. Ihre Kunden erwarten es. Ihre Chefs erwarten es. Ihre Compliance-Abteilungen haben Vorschriften dazu. Quartalsergebnisse müssen erklärt werden. In Krisen sind sie gezwungen zu verkaufen, weil Anleger ihr Geld abziehen.

Du nicht. Du kannst einfach sitzen bleiben.

Langfristige Rendite: Was die Zahlen sagen

Der MSCI World hat seit seiner Auflegung 1969 eine durchschnittliche jährliche Rendite von rund 8–9 % erzielt — vor allem aufgrund des Zinseszinseffekts über lange Zeiträume.

Wer 300 Euro monatlich über 30 Jahre investiert und eine durchschnittliche Rendite von 8 % erzielt, kommt auf ein Endvermögen von rund 408.000 Euro — bei eingezahlten 108.000 Euro. Der Unterschied ist der Zinseszins.

Wer dieselben 300 Euro investiert, aber in Krisenzeiten zweimal für je drei Monate pausiert und zweimal mit einem Jahr Verzögerung in den Markt zurückkehrt, erzielt bei sonst identischen Bedingungen deutlich weniger — nicht wegen schlechter Fondsauswahl, sondern wegen schlechtem Timing.

Das Depot mit dem höchsten Endwert ist oft das Depot, das am wenigsten angefasst wurde.

Fazit: Langeweile ist eine Anlage-Tugend

Ein gut gewählter ETF-Sparplan ist langweilig. Er liefert keine Geschichte für den Grillabend. Er produziert keine spannenden Screenshots für Instagram.

Aber er funktioniert — sofern man ihn laufen lässt.

Die häufigste Ursache für enttäuschende Anlagerenditen ist nicht ein schlechter ETF. Es ist das Verhalten des Anlegers: kaufen, wenn es gut läuft; verkaufen, wenn es schlecht läuft; wechseln, wenn ein anderer besser gelaufen ist.

Wer das vermeidet — wer wirklich kauft, hält und nichts tut — hat statistisch die beste Ausgangsbasis, die ein Privatanleger haben kann.

Was die Zahlen wirklich zeigen: Der Cost-Average-Effekt in der Praxis

Der Cost-Average-Effekt (Durchschnittskosteneffekt) ist das mathematische Fundament des ETF-Sparplans — und er wirkt gerade in volatilen Märkten am stärksten.

Das Prinzip: Wer monatlich einen fixen Betrag investiert, kauft bei niedrigen Kursen mehr Anteile und bei hohen Kursen weniger. Über Zeit sinkt dadurch der durchschnittliche Einstandspreis unter den Durchschnittskurs der beobachteten Periode.

Ein konkretes Beispiel mit dem MSCI World zwischen März 2020 und März 2021:

  • März 2020 (Corona-Tief): Kurs bei ca. 1.450 Punkten → 100 Euro kaufen 0,069 Anteile
  • September 2020 (Zwischenhoch): Kurs bei ca. 2.100 Punkten → 100 Euro kaufen 0,048 Anteile
  • März 2021 (Erholung): Kurs bei ca. 2.600 Punkten → 100 Euro kaufen 0,038 Anteile

Wer in diesem Zeitraum monatlich 100 Euro investiert hat, profitierte davon, in der Tiefphase deutlich mehr Anteile erworben zu haben als in der Hochphase. Wer hingegen seinen Sparplan in der Panik pausierte, kaufte die günstigsten Anteile nicht — und erzielte eine deutlich schlechtere Durchschnittsrendite.

Die Opportunitätskosten des “Wartens”

Es gibt ein Phänomen, das Behavioral-Finance-Forscher “Cash Drag” nennen: die entgangene Rendite durch Kapital, das investiert sein sollte, aber aus Angst nicht investiert wird.

Wer 10.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto liegen hat, weil er “auf den richtigen Zeitpunkt wartet”, zahlt eine implizite Versicherungsprämie. Diese Prämie ist die Differenz zwischen der Marktrendite und dem Tagesgeld-Zins — also typischerweise mehrere Prozentpunkte pro Jahr.

Über zehn Jahre bedeutet das bei 10.000 Euro und 6 % Renditedifferenz einen Unterschied von etwa 7.900 Euro. Das ist das Ticket, das du für die “Sicherheit” des Wartens zahlst.

Vanguard hat untersucht, ob Anleger, die auf einen besseren Einstiegszeitpunkt warteten, langfristig besser abschnitten als solche, die sofort investierten. In zwei Dritteln aller historischen Zeiträume war sofortiges Investieren überlegen — selbst wenn man direkt vor einem Markteinbruch kaufte.

Die Versuchung der thematischen ETFs und wie sie entsteht

Neben dem Impuls zu handeln gibt es eine zweite Gefahr: thematische ETFs, die als “passive” Investments vermarktet werden, aber aktive Wetten auf Sektoren oder Trends darstellen.

AI-ETFs, Cannabis-ETFs, Metaverse-ETFs, Clean-Energy-ETFs — alle hatten ihre Hochphase, alle zogen Milliarden an, alle haben (oder hatten) auch tiefe Täler. Sie sind per Definition keine Diversifikation — sie sind konzentrierte Sektorwetten in ETF-Hülle.

Das Problem: Sie fühlen sich wie Diversifikation an. Der Anleger hält nicht eine Aktie, sondern vierzig — alle aus demselben engen Segment. Wenn das Segment fällt, fallen alle vierzig gemeinsam.

Ein breit diversifizierter MSCI World oder FTSE All World enthält auch die erfolgreichsten Unternehmen aus diesen Sektoren — automatisch, proportional zu ihrer Marktkapitalisierung. Wer in einen globalen ETF investiert, hält bereits Nvidia, ASML und TSMC. Zusätzlich noch einen AI-ETF daraufzulegen, ist Übergewichtung, keine Diversifikation.

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Jonathan Scheele

Jonathan Scheele

Social-Media-Agentur-Inhaber, Entwickler und Betreiber von stackero.de.