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ETF-Investing: Warum Indexfonds fast immer gewinnen

Aktive Fonds versprechen mehr Rendite durch clevere Manager. Die Daten erzählen eine andere Geschichte. Was Indexfonds so stark macht — und welcher ETF wirklich zu dir passt.

16. Juli 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
ETF-Investing: Warum Indexfonds fast immer gewinnen

Stell dir vor, du nimmst an einem Wettbewerb teil. Alle Teilnehmer würfeln. Der Gewinner bekommt eine Trophäe — und darf nächstes Jahr wieder antreten. Ein paar Jahre hintereinander gewinnen immer wieder andere Leute. Manche gewinnen sogar zweimal. Aber wer war wirklich der Beste? Oder hat einfach Glück eine größere Rolle gespielt, als wir zugeben wollen?

Genau das passiert in der Fondsindustrie. Jedes Jahr gibt es aktive Fondsmanager, die den Markt schlagen. Es gibt sogar welche, die das mehrere Jahre hintereinander schaffen. Darüber wird ausführlich berichtet. Was weniger berichtet wird: Über lange Zeiträume schneidet die große Mehrheit aktiver Fonds schlechter ab als ein schlichter Indexfonds. Nicht wegen mangelnder Intelligenz der Manager — sondern wegen einer Wahrheit, die die Fondsindustrie lieber nicht laut sagt.

Was ein Indexfonds eigentlich ist

Ein Indexfonds — und ETFs sind eine spezifische Variante davon — bildet einen bestimmten Marktindex nach. Er kauft einfach alle Aktien, die in diesem Index enthalten sind, im gleichen Verhältnis wie der Index. Keine Analyse, keine Meinungen, keine Entscheidungen. Der Fonds steigt, wenn der Index steigt. Er fällt, wenn der Index fällt.

Das klingt langweilig. Das ist es auch — und genau das ist der Punkt.

Aktive Fonds versuchen durch Selektion besser zu sein als der Index. Sie kaufen Aktien, von denen sie überzeugt sind, und meiden andere. Das kostet Zeit, Ressourcen und Personal. Und diese Kosten werden an dich weitergegeben.

Das Gebührenproblem — klein, aber verheerend

Hier liegt der erste große Vorteil von Indexfonds: die Kosten.

Ein typischer aktiv gemanagter Fonds berechnet eine jährliche Verwaltungsgebühr von 1,5 bis 2,5 %. Klingt wenig. Ist es nicht. Dazu kommt oft ein Ausgabeaufschlag beim Kauf von 3–5 % — also verlierst du sofort beim Einstieg einen Teil deines Kapitals.

Ein typischer ETF auf den MSCI World kostet 0,1 bis 0,2 % pro Jahr. Kein Ausgabeaufschlag. Das war’s.

Mach die Rechnung:

  • Du investierst 10.000 Euro über 30 Jahre mit 7 % Bruttorendite
  • Aktiver Fonds (2 % Gebühren): du erzielst effektiv ~5 % — Ergebnis nach 30 Jahren: rund 43.200 Euro
  • Indexfonds (0,2 % Gebühren): du erzielst effektiv ~6,8 % — Ergebnis nach 30 Jahren: rund 71.700 Euro

Der Unterschied: über 28.000 Euro — allein durch Gebühren. Kein einziger schlechter Trade. Kein einziges Pech. Nur der stille Kostenunterschied, der sich über Jahrzehnte aufaddiert.

Was die Daten über aktive Fonds sagen

Das SPIVA-Scorecard-Projekt (Standard & Poor’s Index vs. Active) veröffentlicht regelmäßig Auswertungen darüber, wie aktive Fonds im Vergleich zu ihrem jeweiligen Vergleichsindex abschneiden. Die Ergebnisse sind konsistent:

  • Über 5 Jahre schlagen mehr als 80 % der aktiven Fonds ihren Vergleichsindex nicht
  • Über 15 Jahre schlagen über 90 % der aktiven Fonds ihren Vergleichsindex nicht

Diese Zahlen gelten weltweit und über nahezu alle Kategorien hinweg: Large Caps, Small Caps, Emerging Markets, Anleihen. Das Muster ist immer dasselbe.

Das bedeutet nicht, dass aktive Manager dumm oder faul sind. Es bedeutet, dass der Wettbewerb an den Börsen so intensiv ist, dass es selbst brillanten Analysten kaum gelingt, dauerhaft Informationsvorsprünge zu erzielen. Und wenn sie es nicht dauerhaft können, fressen die Kosten jeden kurzfristigen Vorteil auf.

Der Survivorship Bias: Warum du nur die Gewinner siehst

Es gibt noch einen weiteren Effekt, der das Bild verzerrt: Fonds, die schlecht laufen, werden aufgelöst oder in andere Fonds fusioniert. Die Verlierer verschwinden aus der Statistik. Was übrig bleibt, sind die Überlebenden — also die Fonds, die zufällig gut abgeschnitten haben.

Wenn du in einem Fondsrating nachschaust, siehst du nur Fonds, die bis heute überlebt haben. Die ganzen Fonds, die 2008 eingegangen sind, tauchen dort nicht mehr auf. Das verzerrt dein Bild der Erfolgsquoten massiv nach oben.

Indexfonds haben dieses Problem nicht. Der Index existiert weiter — unabhängig davon, welche Einzelfirmen aus ihm herausfallen und welche neu aufgenommen werden. Du bist immer automatisch in den aktuell relevantesten Unternehmen investiert.

Welcher ETF passt zu dir?

Die Frage, die viele Anfänger beschäftigt: „Welchen ETF soll ich nehmen?” Die ehrliche Antwort: Für die meisten Menschen ist die Wahl zwischen zwei oder drei Optionen egal, solange diese Grundbedingungen erfüllt sind.

MSCI World ETF Der Klassiker. Enthält über 1.400 Aktien aus 23 Industrieländern. USA-Anteil liegt bei rund 65–70 %, gefolgt von Japan, Großbritannien, Frankreich, Deutschland. Gut diversifiziert, bewährt, günstig. Für die meisten Anleger der sinnvollste Startpunkt.

MSCI ACWI ETF „All Country World Index” — enthält alles aus dem MSCI World plus Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien und Südkorea. Noch breiter gestreut. Der Schwellenländeranteil liegt bei rund 10–12 %. Wer an das langfristige Wachstum aufstrebender Volkswirtschaften glaubt, wählt diesen.

FTSE All-World ETF Sehr ähnlich zum MSCI ACWI, wird von einem anderen Indexanbieter berechnet. Deckt ebenfalls Industrie- und Schwellenländer ab. Unterschiede im Vergleich zum ACWI sind marginal.

Was du konkret prüfst:

  • TER (Total Expense Ratio): Die jährliche Gebühr. Alles unter 0,25 % ist gut. Unter 0,15 % ist sehr gut.
  • Fondsvolumen: Größere Fonds (ab 500 Mio. Euro) sind stabiler und haben bessere Liquidität.
  • Replikationsart: Physisch replizierende ETFs kaufen die Aktien tatsächlich. Das ist transparenter als synthetische ETFs, die Swap-Geschäfte nutzen.
  • Thesaurierend vs. ausschüttend: Thesaurierend reinvestiert Erträge automatisch. Für langfristigen Aufbau besser.

Ein Wort zur Frage: „Soll ich noch Anleihen beimischen?”

Die klassische Anlageempfehlung lautete lange: „Dein Alter in Prozent Anleihen, der Rest Aktien.” Also mit 30 Jahren: 30 % Anleihen, 70 % Aktien. Das war ein Kompromiss zwischen Rendite und Stabilität.

Für langfristige Anleger mit einem Horizont von 15+ Jahren ist diese Regel heute weniger überzeugend. Anleihen bieten Stabilität, aber kaum Wachstum — und in einem Niedrigzinsumfeld oder bei steigender Inflation können sie sogar real an Wert verlieren. Wer jung ist, viel Zeit hat und kurzfristige Schwankungen aushalten kann, fährt mit 100 % Aktien in der Regel besser.

Wer dagegen in 5–7 Jahren auf das Geld angewiesen ist — für ein Haus, eine Auszeit oder den Ruhestand — sollte tatsächlich einen Teil in risikoärmere Anlagen umschichten. Nicht weil Schwankungen schlimm sind, sondern weil du sonst riskierst, genau zum falschen Zeitpunkt verkaufen zu müssen.

Das einzige, was du an einem Indexfonds ruinieren kannst

Du.

Die Strategie ist wasserdicht. Die Mathematik stimmt. Die Kosten sind minimal. Aber wenn du bei jedem größeren Rücksetzer in Panik gerätst und verkaufst, wenn du ständig zwischen ETFs wechselst und dabei Steuern triggerst, wenn du regelmäßig prüfst, ob dein ETF gerade besser oder schlechter läuft als ein anderer — dann schadest du dir selbst.

Indexfonds funktionieren nicht wegen cleverer Entscheidungen. Sie funktionieren, weil du keine Entscheidungen triffst. Kaufen, halten, laufen lassen. Das ist keine Faulheit — das ist die überlegene Strategie.

So startest du

  1. Entscheide dich für einen ETF: MSCI World oder ACWI, thesaurierend, TER unter 0,20 %
  2. Eröffne ein kostenloses Depot bei einem Online-Broker
  3. Richte einen monatlichen Sparplan ein — welchen Betrag auch immer du dir leisten kannst
  4. Lass ihn laufen. Schau höchstens einmal im Jahr drauf.

Das ist keine vereinfachte Version einer komplexen Strategie. Das ist die Strategie. Und sie funktioniert besser als fast alles andere, was du alternativ tun könntest.

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Jonathan Scheele

Jonathan Scheele

Social-Media-Agentur-Inhaber, Entwickler und Betreiber von stackero.de.