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Entnahmestrategien im Ruhestand: Wie du dein Kapital nicht überlebst

Wer ein Depot für den Ruhestand aufgebaut hat, steht vor einer neuen Herausforderung: Wie entnimmt man, ohne das Kapital vorzeitig aufzubrauchen? Die wichtigsten Strategien im Vergleich.

22. August 2026 ca. 5 Min. Lesezeit von Jonathan Scheele
Entnahmestrategien im Ruhestand: Wie du dein Kapital nicht überlebst

Jahrzehnte lang war das Ziel klar: sparen, investieren, wachsen lassen. Und dann? Der Moment, in dem aus dem Depot Einkommen werden soll, ist für viele der am wenigsten vorbereitete Abschnitt des gesamten Finanzlebens.

Es ist auch der schwierigste. In der Ansparphase ist die Strategie einfach: regelmäßig einzahlen, nicht verkaufen, Zeit wirken lassen. In der Entnahmephase ist alles umgekehrt: Man entnimmt regelmäßig — und das in einem Depot, dessen Wert gleichzeitig schwankt. Eine falsche Entnahmereihenfolge, ein ungünstiger Markt in den ersten Rentenjahren oder eine zu hohe Entnahmerate können das Kapital deutlich früher aufbrauchen als geplant.

Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Entnahmestrategien und welche für wen sinnvoll ist.


Das Sequenzrisiko: Der gefährlichste Feind im Ruhestand

Bevor es um Strategien geht, ist das Verständnis des Sequenzrisikos entscheidend — denn es ist der Hauptgrund, warum Entnahme komplizierter ist als Einzahlung.

Das Sequenzrisiko (Sequence of Returns Risk) beschreibt: Die Reihenfolge, in der Renditen auftreten, beeinflusst das Endvermögen drastisch — selbst wenn die Durchschnittsrendite identisch ist.

Beispiel:
Depot: 500.000 Euro, Entnahme: 20.000 Euro/Jahr, Laufzeit: 25 Jahre

Szenario A: Gute Jahre zuerst (10 %, 8 %, 7 %…), schlechte Jahre am Ende
→ Depot hält 25 Jahre und hat am Ende noch Restwert

Szenario B: Schlechte Jahre zuerst (-20 %, -15 %, -10 %…), gute Jahre am Ende
→ Depot ist nach 17 Jahren aufgebraucht — obwohl die Durchschnittsrendite identisch ist

Der Grund: In schlechten Jahren muss man verkaufen, um die Entnahme zu finanzieren. Dabei verkauft man Anteile günstig. Wenn der Markt später steigt, hat man weniger Anteile — und profitiert weniger von der Erholung.

Das Sequenzrisiko ist in den ersten 5–10 Jahren des Ruhestands am größten. Wer diese Phase übersteht, ohne sein Portfolio stark zu dezimieren, hat in der Regel gute Chancen, das Kapital zu erhalten.


Die 4%-Regel als Ausgangspunkt

Die 4%-Regel — entnimm nie mehr als 4 % des Startkapitals pro Jahr — ist der bekannteste Ansatz. Wie im FIRE-Artikel beschrieben, hat sie in historischen US-Daten über 30 Jahre fast immer funktioniert.

Für europäische Anleger mit globalem Portfolio empfehlen neuere Studien eher 3,3–3,5 % als sicherere Entnahmerate — besonders bei einem geplanten Ruhestand von 40+ Jahren.

Anwendung: Bei 500.000 Euro Depot und 3,5 % Entnahmerate: 17.500 Euro/Jahr = rund 1.458 Euro/Monat. Diese Rate wird jährlich an die Inflation angepasst.

Schwäche der starren 4%-Regel: Sie ignoriert die aktuelle Bewertung des Marktes und die eigene Portfolio-Performance. Wer nach einem schlechten Jahr trotzdem 4 % entnimmt, entnimmt effektiv mehr vom gesunkenen Wert — und verkauft billig.


Strategie 1: Flexible Entnahme (Dynamic Withdrawal)

Statt eines festen Betrags wird die Entnahmerate an den aktuellen Depotwert und die Marktbedingungen angepasst.

Guardrails-Methode (Kitces/Guyton):
Ausgangspunkt: 4 % Entnahmerate. Wenn der Depotwert stark gesunken ist (z.B. um 20 %), wird die Entnahme um 10 % gekürzt (“Spending guardrail”). Wenn der Depotwert stark gestiegen ist, kann die Entnahme um 10 % erhöht werden.

Vorteil: Erhöht die Wahrscheinlichkeit, das Depot über 30–40 Jahre zu erhalten deutlich.
Nachteil: Das Einkommen schwankt. Wer Planungssicherheit braucht (feste Ausgaben), kommt damit schwerer zurecht.

Ratchet-Methode:
Entnahme wird nur nach oben angepasst (bei Depotgewinnen), nie nach unten. Das schützt den Lebensstandard — auf Kosten höherer Depletion-Wahrscheinlichkeit.


Strategie 2: Bucket-Strategie (Eimerprinzip)

Das Depot wird in drei “Eimer” aufgeteilt, die unterschiedliche Zeithorizonte und Risikoniveaus haben.

Eimer 1 — Kurzfristig (1–2 Jahre):
Tagesgeld, Festgeld, Geldmarkt-ETF. Reicht für 12–24 Monate laufende Ausgaben. Kein Marktrisiko, maximale Liquidität.

Eimer 2 — Mittelfristig (3–10 Jahre):
Anleihen-ETFs, ausgewogene Mischfonds. Weniger volatil als Aktien, aber höhere Rendite als Tagesgeld. Wird regelmäßig aus Eimer 3 aufgefüllt.

Eimer 3 — Langfristig (10+ Jahre):
Aktien-ETFs (MSCI World, Emerging Markets). Volles Marktrisiko, aber langer Zeithorizont ermöglicht Erholung nach Crashs.

Wie die Entnahme funktioniert:
Monatliche Entnahme kommt aus Eimer 1. Wenn Eimer 1 aufgebraucht wird, wird er aus Eimer 2 aufgefüllt — wenn der Markt gut läuft, aus Eimer 3. In Crashs wird zunächst Eimer 2 genutzt, um keine Aktien günstig verkaufen zu müssen.

Vorteil: Psychologisch sehr wirksam. Wer weiß, dass die nächsten 2 Jahre aus sicherem Kapital gedeckt sind, schläft ruhiger — selbst wenn Eimer 3 gerade 30 % verloren hat.

Nachteil: Etwas komplexer in der Verwaltung. Opportunitätskosten durch das Halten von Eimer 1 (niedrige Rendite).


Strategie 3: Dividendenstrategie

Statt ETF-Anteile zu verkaufen, wird von Dividendenzahlungen gelebt. Das Depot besteht aus dividendenstarken ETFs oder Einzelaktien, die regelmäßig Ausschüttungen liefern.

Beliebt, weil: Kein aktives Verkaufen nötig. Das Kapital bleibt “intakt” — man greift gefühlt nur auf Erträge zu, nicht auf das Stammkapital.

Problematisch, weil:

  • Dividendenstarke Unternehmen sind nicht zwingend die renditestärksten
  • Dividenden können in Krisen gekürzt oder gestrichen werden (COVID 2020: viele Unternehmen strichen Dividenden)
  • In Deutschland werden Dividenden mit Abgeltungssteuer belastet — auch wenn man sie sofort reinvestiert (anders als bei thesaurierenden ETFs mit Vorabpauschale)
  • “Das Kapital bleibt intakt” ist ein psychologischer Trugschluss: Wenn ein Unternehmen Dividenden zahlt, fällt der Aktienkurs entsprechend — der Gesamtwert des Portfolios bleibt gleich

Für Anleger, die das Verkaufen emotional schwer finden, kann die Dividendenstrategie trotzdem sinnvoll sein — als Kompromiss zwischen psychologischem Komfort und mathematischer Optimalität.


Steueroptimierung in der Entnahmephase

Ein oft vernachlässigter Hebel: Die Reihenfolge, in der verschiedene Konten und Anlagen entnommen werden, beeinflusst die Steuerlast erheblich.

Sparerpauschbetrag nutzen:
1.000 Euro (Single) / 2.000 Euro (Paar) Kapitalerträge pro Jahr sind steuerfrei. In guten Jahren, in denen das Depot stark gewachsen ist, kann es sinnvoll sein, gezielt Gewinne zu realisieren und innerhalb des Pauschbetrags zu bleiben — auch wenn das Geld nicht gebraucht wird (und sofort reinvestiert wird).

FIFO-Prinzip beachten:
In Deutschland gilt bei ETF-Verkäufen das First-In-First-Out-Prinzip: Zuerst gekaufte Anteile gelten als zuerst verkauft. Das beeinflusst den steuerlichen Gewinn — ältere Anteile haben oft einen niedrigeren Einstandspreis und damit höhere steuerpflichtige Gewinne.

Steuerliche Verluste gegenrechnen:
Realisierte Verluste können mit Gewinnen verrechnet werden (innerhalb desselben Steuerjahres oder per Verlustverrechnungstopf). Wer in schlechten Jahren ohnehin verkaufen muss, kann dabei auch steuerlich unattraktive Positionen “waschen” — verkaufen und sofort mit ähnlichem ETF wiederkaufen.

Rürup und bAV-Entnahme steuerpflichtig:
Wer im Alter Rürup-Rente oder betriebliche Altersvorsorge erhält: Diese Zahlungen sind einkommensteuerpflichtig. Das sollte in der Gesamtsteuerplanung des Ruhestands berücksichtigt werden — vor allem, wenn gleichzeitig hohe ETF-Entnahmen stattfinden.


Welche Strategie passt zu wem?

Es gibt keine universell richtige Entnahmestrategie. Die Wahl hängt von mehreren Faktoren ab:

Wie hoch ist das Kapital im Verhältnis zu den Ausgaben?
Wer deutlich über dem 25-fachen der Jahresausgaben verfügt, kann großzügiger entnehmen und muss weniger Puffer halten. Wer knapp am Ziel ist, braucht mehr Sicherheitspuffer und flexible Regeln.

Wie lange muss das Kapital reichen?
30 Jahre Ruhestand: 4%-Regel hat historisch funktioniert. 45–50 Jahre: Eher 3–3,5 % — oder mit flexibler Anpassung arbeiten.

Wie hoch ist die Risikotoleranz?
Wer Kurseinbrüche emotional gut aushält: reine ETF-Entnahme mit flexiblen Guardrails. Wer nachts schlecht schläft, wenn das Depot fällt: Bucket-Strategie mit stabilem Kurzfrist-Eimer.

Gibt es weitere Einkommensquellen?
Gesetzliche Rente, betriebliche Altersvorsorge, Mieteinnahmen — wer zusätzliche stabile Einnahmen hat, muss weniger aus dem Depot entnehmen und kann aggressiver in Aktien investiert bleiben.


Der häufigste Fehler: Zu konservativ im Alter

Viele Ruheständler wechseln zu Rentenbeginn in sehr konservative Portfolios — hauptsächlich Anleihen und Tagesgeld. Das klingt vorsichtig. Es ist es manchmal nicht.

Bei einem 30-jährigen Ruhestand wirkt Inflation erheblich: Wer mit 2 % jährlicher Inflation rechnet, verliert die Kaufkraft seines Geldes über 35 Jahre um etwa 50 %. Wer ausschließlich in festverzinsliche Anlagen investiert, die gerade einmal Inflationsausgleich bieten, hat real keine Rendite — und läuft Gefahr, die Kaufkraft seines Vermögens zu halbieren.

Ein signifikanter Aktienanteil (40–60 %) auch im Ruhestand — kombiniert mit einem stabilen Kurzfrist-Puffer — ist für die meisten Menschen langfristig die bessere Strategie als ein vollständiger Rückzug aus dem Aktienmarkt.


Fazit

Die Entnahmephase ist das letzte, häufig unterschätzte Kapitel der Finanzplanung. Wer jahrzehntelang gut aufgebaut hat, kann in dieser Phase durch falsche Entscheidungen erheblichen Schaden anrichten — oder durch kluge Strategie das Kapital über den gesamten Ruhestand erhalten.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Das Sequenzrisiko ist real — schlechte Jahre am Anfang des Ruhestands sind gefährlicher als schlechte Jahre am Ende
  • Flexible Entnahmeregeln erhöhen die Portfoliobestandsdauer erheblich
  • Die Bucket-Strategie ist psychologisch hilfreich und finanziell solide
  • Ein bedeutender Aktienanteil sollte auch im Ruhestand erhalten bleiben
  • Steueroptimierung in der Entnahmephase ist oft unterschätzte Renditequelle

Die beste Strategie ist die, die man auch in einem schwierigen Börsenjahr konsequent durchhält — nicht die mathematisch optimale, die man beim ersten Einbruch aufgibt.

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Jonathan Scheele

Jonathan Scheele

Social-Media-Agentur-Inhaber, Entwickler und Betreiber von stackero.de.