Die meisten Bücher und Blogs über persönliche Finanzen beschäftigen sich mit Vermögensaufbau. Wie du sparst, wie du investierst, wie du den Zinseszins für dich arbeiten lässt. Das ist wichtig — aber es ist nur die erste Hälfte der Gleichung.
Die zweite Hälfte ist mindestens genauso komplex: Wie entnimmst du das aufgebaute Vermögen so, dass es möglichst lange reicht, möglichst wenig Steuern kostet und möglichst wenig Stress verursacht? Diese Frage wird systematisch unterschätzt — und wenn sie zu spät gestellt wird, hat man wenig Spielraum für Korrekturen.
Wer mit 60 beginnt, seinen Entnahmeplan zu durchdenken, ist spät dran. Wer mit 55 anfängt, hat noch Zeit zum Optimieren. Wer ihn bereits in die Aufbauphase integriert, hat die besten Chancen.
Das Grundproblem: Langlebigkeitsrisiko
Das größte Risiko im Ruhestand ist nicht ein schlechtes Börsenjahr. Es ist, dass das Geld ausgeht, bevor das Leben zu Ende ist.
In Deutschland liegt die statistische Lebenserwartung für einen heute 65-jährigen Mann bei rund 83 Jahren, für eine Frau bei rund 86 Jahren. Das sind Durchschnittswerte — wer gesund ist, sportlich aktiv war und keinen starken genetischen Risikofaktoren ausgesetzt ist, kann durchaus bis 90 oder darüber hinaus leben. Das bedeutet: Ein Ruhestand, der mit 63 beginnt, muss im Zweifel 30 Jahre finanziert werden.
30 Jahre sind eine lange Zeit. Wer seinen Entnahmeplan für 20 Jahre optimiert, hat für die letzten Jahre keinen Plan. Wer ihn für 35 Jahre ausrichtet, ist auf der sicheren Seite — auch wenn das bedeutet, etwas konservativer zu kalkulieren.
Die 4-Prozent-Regel: Was sie ist und was nicht
Kaum eine Zahl wird in der FIRE- und Ruhestandsplanung so häufig genannt wie “4 Prozent”. Die Herkunft: die Trinity-Studie von 1998, in der amerikanische Forscher historische Marktdaten analysierten und feststellten, dass ein Portfolio aus 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen eine Entnahmerate von 4 Prozent jährlich über 30 Jahre historisch fast immer überlebt hätte.
Das klingt einfach. Die Praxis ist komplizierter.
Erstens basiert die Studie auf US-amerikanischen Marktdaten — und die US-Börse hat historisch besonders gut abgeschnitten. Für einen global diversifizierten europäischen Anleger können die Ergebnisse abweichen.
Zweitens gilt die 4-Prozent-Regel für 30 Jahre. Wer mit 55 in Rente geht und 90 wird, braucht 35 Jahre — was die statistische Ausfallwahrscheinlichkeit erhöht.
Drittens berücksichtigt sie keine Steuern. In Deutschland werden Kapitalerträge mit 26,375 Prozent besteuert. Eine Bruttoentnahme von 40.000 Euro bedeutet nach Steuer deutlich weniger verfügbares Einkommen.
Für Deutschland gilt als Faustformel: Eine Entnahmerate von 3 bis 3,5 Prozent ist deutlich sicherer als 4 Prozent — besonders bei langen Entnahmehorizonten und unter Berücksichtigung der Steuerbelastung.
Sequenzrisiko: Der am meisten unterschätzte Faktor
Das Sequenzrisiko ist der Feind jedes Entnahmeplans. Es beschreibt die Tatsache, dass die Reihenfolge der Renditen — nicht nur die durchschnittliche Rendite — über Erfolg oder Scheitern eines Entnahmeplans entscheidet.
Ein Beispiel: Zwei Anleger starten mit 1 Million Euro und entnehmen 40.000 Euro jährlich. Anleger A erlebt in den ersten fünf Jahren starke Renditen, dann schwache. Anleger B erlebt in den ersten fünf Jahren schwache Renditen, dann starke. Die durchschnittliche Rendite über 20 Jahre ist für beide identisch.
Das Ergebnis ist trotzdem dramatisch unterschiedlich: Anleger B kann nach 20 Jahren deutlich weniger Vermögen haben — oder im schlimmsten Fall ist das Portfolio bereits vorher aufgebraucht. Der Grund: Frühe Verluste in der Entnahmephase reduzieren die Kapitalbasis dauerhaft. Spätere Gewinne können das nicht vollständig kompensieren, weil das Kapital, auf dem die Gewinne wachsen, kleiner ist.
Das Sequenzrisiko ist besonders relevant in den ersten fünf bis zehn Jahren des Ruhestands. Wer in dieser Phase einen schwachen Markt erlebt, muss reagieren — oder riskiert, den Entnahmeplan früher als geplant zu erschöpfen.
Strategien gegen das Sequenzrisiko
Der Cash-Puffer. Die einfachste Absicherung: Zwei bis drei Jahre der geplanten Entnahmen als Tagesgeld oder kurzfristige Anleihen halten. Wenn der Markt einbricht, entnimmst du aus dem Puffer — und lässt das Depot in Ruhe, bis es sich erholt. Erst dann wird der Puffer wieder aufgefüllt. Dieser Ansatz verhindert, dass du in der schlechtesten Phase verkaufen musst.
Flexible Entnahmerate. Statt einer fixen Entnahme passt du die Entnahmemenge an die Marktlage an. In guten Jahren entnimmst du etwas mehr — für Extras, Urlaub, Rücklagen. In schlechten Jahren reduzierst du freiwillig. Diese Flexibilität verlängert die Lebenserwartung des Portfolios signifikant.
Bucket-Strategie. Das Vermögen wird in drei “Eimer” aufgeteilt: Kurzfristig (0–3 Jahre, sehr sicher, kaum Rendite), mittelfristig (3–10 Jahre, konservative Mischung), langfristig (10+ Jahre, volles Aktienexposure). Die Entnahme erfolgt immer aus dem kurzfristigen Eimer, der regelmäßig aus dem mittelfristigen nachgefüllt wird — und so weiter. Das schützt vor Panikverkäufen und gibt dem langfristigen Anteil Zeit zu wachsen.
Teilverrentung. Ein oft unterschätzter Ansatz: Einen Teil des Portfolios in eine lebenslange Sofortrente umwandeln. Das beseitigt das Langlebigkeitsrisiko für diesen Teil — du erhältst bis zum Tod eine feste monatliche Zahlung, egal wie alt du wirst. Der Nachteil: Das Geld ist weg und nicht mehr vererbbar. Der Vorteil: Du musst dich um diesen Teil nie wieder kümmern.
Entnahmeplan-Rechner
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Steueroptimierung bei der Entnahme: Was in Deutschland möglich ist
Die Steuerfrage beim Entnahmeplan ist in Deutschland oft komplexer als beim Aufbau — weil verschiedene Einkommensquellen unterschiedlich besteuert werden.
Kapitalerträge (Dividenden, realisierte Kursgewinne aus ETF-Verkäufen) unterliegen der Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro (2.000 Euro für Ehepaare) ist steuerfrei.
Mieteinnahmen werden als Einkommen besteuert — mit dem persönlichen Einkommensteuersatz. Im Ruhestand, wenn kein weiteres Einkommen vorhanden ist, kann dieser Steuersatz niedriger liegen als während der Erwerbsphase.
Gesetzliche Rente ist zu einem bestimmten Prozentsatz steuerpflichtig, der je nach Renteneintrittsjahrgang steigt. Wer 2025 in Rente geht, hat einen Besteuerungsanteil von rund 83 Prozent.
Strategische Entnahme: Wer sein Depot mit thesaurierenden ETFs aufgebaut hat und nun in der Entnahmephase auf ausschüttende ETFs oder Teilverkäufe wechselt, sollte die Jahresstrategie mit einem Steuerberater abstimmen. Ziel: Die Entnahmen so auf das Jahr verteilen, dass möglichst viel unter dem Grundfreibetrag bleibt oder die Günstigerprüfung greift.
Wer ausschließlich von Kapitalerträgen lebt und kein anderes steuerpflichtiges Einkommen hat, kann in bestimmten Konstellationen deutlich unter dem Abgeltungsteuersatz liegen — weil der persönliche Steuersatz auf Antrag angewendet werden kann, wenn er günstiger ist.
Was mit der gesetzlichen Rente passiert — und wie sie einzuplanen ist
Für viele Menschen im Ruhestand ergänzt die gesetzliche Rente das Portfolioeinkommen. Das ist ein wichtiger Faktor beim Entnahmeplan: Wer mit 63 aufhört zu arbeiten und ab 67 die volle gesetzliche Rente erhält, muss die ersten vier Jahre aus dem Depot vollständig finanzieren — danach reduziert sich die notwendige Entnahme erheblich.
Diese Staffelung sollte explizit geplant sein. Phasenmodell:
- Phase 1 (63–67): Volle Entnahme aus dem Portfolio, kein staatliches Renteneinkommen.
- Phase 2 (ab 67): Gesetzliche Rente deckt einen Teil der Lebenshaltungskosten. Portfolioentnahme reduziert sich entsprechend. Das Portfolio wächst oder schrumpft langsamer.
Wer diese Phasen durchrechnet, wird oft feststellen: Das benötigte Vermögen zum Zeitpunkt des frühen Ruhestands ist niedriger als die naive Anwendung der 4-Prozent-Regel suggeriert — weil spätere Rentenzahlungen die Entnahmelast reduzieren.
Wie viel Puffer ist genug?
Eine häufige Frage: Sollte man den Entnahmeplan so gestalten, dass am Ende noch etwas übrig ist — oder kann man das Kapital vollständig aufbrauchen?
Die Antwort hängt von Zielen ab. Wer Vermögen vererben möchte, braucht einen konservativeren Entnahmeplan. Wer keine Erbschaftsziele hat und das Kapital für das eigene Leben einsetzen will, kann höhere Entnahmeraten in Betracht ziehen.
In der Praxis ist ein gewisser Puffer aus psychologischen Gründen sinnvoll. Wer sieht, dass das Depot schrumpft, erzeugt auch bei ausreichendem Kapital Stress. Wer weiß, dass noch ein Puffer vorhanden ist, lebt ruhiger — was ironischerweise oft dazu führt, dass man insgesamt weniger ausgibt, weil man sich nicht arm fühlt.
Der häufigste Fehler: Zu spät zu planen beginnen
Wer mit 64 zum ersten Mal ernsthaft über seinen Entnahmeplan nachdenkt, hat zwar noch Zeit — aber kaum noch Spielraum für strukturelle Anpassungen. Steuerliche Optimierungen brauchen Zeit. Der Wechsel von thesaurierenden zu ausschüttenden ETFs hat steuerliche Konsequenzen, die früh geplant sein wollen. Die Entscheidung über Sofortrente, Bucket-Strategie oder flexible Entnahme hängt von persönlichen Faktoren ab, die man nicht in wenigen Wochen überblickt.
Der ideale Zeitpunkt, den Entnahmeplan ernsthaft zu entwickeln: zehn Jahre vor dem geplanten Ruhestand. In dieser Phase ist das Depot groß genug, um reale Zahlen durchzurechnen. Die Anpassungen, die noch möglich sind, können strukturell wirken — nicht nur kosmetisch.
Fazit: Die zweite Hälfte ist genauso wichtig wie die erste
Vermögen aufzubauen ist ein Ziel. Vermögen klug zu entnehmen ist eine Kompetenz.
Wer jahrzehntelang diszipliniert gespart und investiert hat, verdient eine Entnahmestrategie, die genauso durchdacht ist wie die Aufbaustrategie. Das bedeutet: Sequenzrisiko kennen und dagegen absichern. Steuerliche Stellschrauben früh optimieren. Langlebigkeit einkalkulieren. Flexibilität einbauen.
Der beste Entnahmeplan ist kein starres System. Er ist ein lebendiges Konzept, das regelmäßig überprüft und an veränderte Lebensumstände, Märkte und Steuergesetze angepasst wird.
Wer das tut, muss sich keine Sorgen machen, ob das Geld ausreicht. Er weiß es — weil er es durchgerechnet hat.