Im Jahr 2008 brach der globale Aktienmarkt innerhalb weniger Monate um über 50 % ein. Wer im Sommer 2007 investiert hatte, sah sein Depot bis März 2009 auf die Hälfte schrumpfen. Die Nachrichten sprachen von der schlimmsten Finanzkrise seit der Großen Depression. Banken wurden verstaatlicht. Experten warnten vor dem Kollaps des westlichen Finanzsystems.
In diesem Umfeld gab es genau zwei Arten von Anlegern.
Die einen verkauften. Sie sicherten, was noch übrig war. Sie sagten sich, dass sie zurückkaufen würden, wenn sich die Lage stabilisiert hätte. Die meisten kamen nie zurück — oder kamen zu spät zurück, als der Markt bereits wieder deutlich gestiegen war.
Die anderen taten nichts. Manche schauten gar nicht mehr ins Depot. Manche ließen ihren Sparplan weiter laufen und kauften günstig nach. Alle, die durchhielten, hatten fünf Jahre später mehr als sie vor der Krise hatten. Zehn Jahre später hatten sie oft das Doppelte oder mehr.
Der Unterschied war nicht Intelligenz. Nicht die richtige ETF-Auswahl. Nicht Marktkenntnis. Es war eine einzige Fähigkeit: das Ausharren.
Warum Verkaufen in Krisen so verführerisch ist
Das Problem mit Börsenpaniken ist, dass sie sich real anfühlen — weil sie es sind.
Im März 2020 war die Welt tatsächlich in einer globalen Gesundheitskrise. Die Wirtschaft stand still. Unternehmen entließen Millionen von Mitarbeitern. Niemand wusste, wie lange der Lockdown dauern würde oder wie schlimm die wirtschaftlichen Folgen sein würden.
In diesem Moment war es nicht irrational, Angst zu haben. Es war rational. Die Frage war nur: Was tut man mit dieser Angst?
Das menschliche Gehirn ist schlecht darin ausgerüstet, auf Börsenkurse zu reagieren. Es ist darauf trainiert, Verluste als Bedrohung zu interpretieren und auf Bedrohungen zu reagieren — durch Handeln, durch Flucht. Stillhalten in einem fallenden Markt ist dem Urinstinkt zutiefst zuwiderlaufend.
Dieser Instinkt hat uns als Spezies überlebt. An der Börse ist er unser schlimmster Feind.
Die Asymmetrie von Auf- und Abschwung
Ein wenig beachtetes Merkmal von Börsenkorrekturen ist ihre zeitliche Asymmetrie: Einbrüche passieren schnell, Erholungen brauchen Zeit — aber die Erholungen sind in der Summe größer als die Einbrüche.
Der S&P 500 hat sich im Durchschnitt nach einem Bärenmarkt vollständig erholt. Aber die stärksten Einzeltage der Erholung liegen oft unmittelbar nach dem Tiefpunkt — in einer Phase, in der die Stimmung noch am schlechtesten ist und die meisten Anleger noch draußen sind.
Eine bekannte Berechnung von JPMorgan: Wer im S&P 500 zwischen 2002 und 2022 investiert war, erzielte bei vollständiger Anlage rund 9,8 % jährliche Rendite. Wer die 10 besten Handelstage verpasste — also nur 10 von rund 5.000 Handelstagen — erzielte nur noch 5,6 %. Wer die 20 besten Tage verpasste: 2,8 %. Wer die 40 besten Tage verpasste: sogar ein leichtes Minus.
Die besten Tage liegen fast immer in den volatilsten Phasen — also genau dort, wo viele Anleger nicht mehr im Markt sind.
Aussteigen und wieder einsteigen klingt clever. In der Praxis bedeutet es fast immer: die schlechtesten Tage tragen, die besten verpassen.
Was Durchhalten nicht bedeutet
Durchhalten wird manchmal mit blindem Festhalten verwechselt. Das ist es nicht.
Durchhalten bedeutet: an einer durchdachten, langfristigen Strategie festhalten, wenn kurzfristige Ereignisse Emotionen erzeugen. Es bedeutet nicht, in offensichtlich schlechten Investments zu verharren oder keine Anpassungen an sich ändernde Lebensumstände vorzunehmen.
Ein paar wichtige Unterscheidungen:
Strategieüberprüfung ist sinnvoll. Wenn sich dein Anlagehorizont fundamental verändert — weil du in zwei Jahren ein Haus kaufen willst oder ein Kind bekommst — dann ist eine Anpassung der Risikostruktur angebracht. Das hat nichts mit Panikverkäufen zu tun.
Rebalancing ist kein Aussteigen. Wer sein Portfolio einmal jährlich zurück zur Zielallokation bringt, handelt diszipliniert — nicht emotional. Rebalancing bedeutet: teuer gewordenes verkaufen, günstig gewordenes kaufen. Das ist das Gegenteil von Panikreaktion.
Nicht investiertes Geld ist kein Durchhalten. Wer sich einredet, er „wartet auf eine bessere Gelegenheit”, hält nicht durch — er verpasst. Durchhalten setzt voraus, dass man bereits investiert ist.
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Der konkrete Preis des Aussteigens
Was kostet es tatsächlich, in einer Krise zu verkaufen und zu spät wiederzueinsteigen?
Nehmen wir ein konkretes Beispiel aus der deutschen Investitionsrealität:
Person A investiert im Januar 2020 50.000 Euro in einen MSCI-World-ETF. Der Markt fällt im März 2020 um 35 %. Person A hält durch — nicht weil sie mutig ist, sondern weil ihr Sparplan automatisch läuft und sie sich geschworen hat, nicht reinzuschauen.
Person B investiert im Januar 2020 ebenfalls 50.000 Euro. Im März 2020 verkauft sie alles — mit ca. 32.500 Euro. Sie wartet, bis sich die Lage „stabilisiert”, und kauft im Oktober 2020 wieder ein.
Ergebnis Ende 2023:
- Person A: rund 82.000 Euro (Markt hat sich mehr als erholt)
- Person B: rund 62.000 Euro (Einstieg verpasst, zu spät zurück)
Der Preis des Aussteigens: rund 20.000 Euro — bei einem Ausgangsbetrag von 50.000 Euro. Nicht weil die Marktanalyse falsch war. Sondern weil das Timing des Wiedereinstiegs nie so gut sein kann wie gar kein Ausstieg.
Wie man Durchhalten trainiert
Durchhalten ist keine Charaktereigenschaft — es ist eine Fähigkeit, die man aufbauen kann. Einige Methoden, die tatsächlich funktionieren:
Den Investmentplan schriftlich fixieren. Bevor die nächste Krise kommt, aufschreiben: Was ist das Ziel? Was ist der Zeithorizont? Unter welchen Umständen würde man verkaufen — und ist ein Markteinbruch von X % einer davon? Der schriftliche Plan repräsentiert das ruhige, rationale Ich. In der Panik liest man ihn.
Automatisierung. Wenn der Sparplan automatisch läuft, braucht es keine monatliche Entscheidung. Die Entscheidung ist bereits getroffen. Das reduziert den emotionalen Entscheidungspunkt auf null.
Depot-Frequenz reduzieren. Wer sein Depot täglich kontrolliert, leidet täglich. Wer es einmal pro Quartal öffnet, leidet viermal pro Jahr — und hat deutlich weniger Anlass, emotional zu reagieren. Studien zeigen, dass Anleger, die ihr Portfolio seltener betrachten, systematisch bessere Ergebnisse erzielen.
Historische Perspektive. Jeder Markteinbruch der Geschichte wurde überwunden. Jeder. Das ist keine Garantie für die Zukunft — aber es ist ein belastbares Muster über mehr als 100 Jahre Kapitalmarktgeschichte.
Fazit: Überleben ist die Grundvoraussetzung
Es gibt eine Regel, die vor allen anderen gilt: Man muss im Markt bleiben, um von ihm zu profitieren.
Wer die beste ETF-Auswahl trifft, aber beim ersten größeren Einbruch verkauft, hat die entscheidende Fähigkeit nicht — und wird langfristig schlechter abschneiden als jemand mit einem mittelmäßigen Portfolio, der nie aufgehört hat.
Durchhalten ist keine passive Haltung. Es ist die aktivste Entscheidung, die ein Anleger treffen kann: gegen den Instinkt handeln, gegen die Medien handeln, gegen die kurzfristige Schmerzvermeidung handeln — und trotzdem investiert bleiben.
Wer das beherrscht, hat den wichtigsten Wettbewerbsvorteil, den ein Privatanleger gegenüber Profis und Algorithmen haben kann. Denn Profis müssen auf Quartalszahlen reagieren. Algorithmen auf Volatilität. Du nicht.
Du kannst einfach sitzenbleiben.