Es gibt eine Frage, die die meisten Menschen nie stellen. Nicht weil sie keine Antwort kennen — sondern weil sie sie nicht stellen wollen.
Die Frage lautet: Wie viel Geld brauche ich, damit ich nie wieder arbeiten muss?
Für viele klingt das nach einer rhetorischen Frage mit der Antwort “viel zu viel”. Nach einer Summe, die nur für andere gilt. Für Menschen mit Erbe, mit Aktienoptionen, mit Glück.
Das Interessante: Die Antwort ist konkreter, kleiner und erreichbarer, als die meisten ahnen. Und sie basiert auf einer schlichten mathematischen Beobachtung, die seit Jahrzehnten überprüft wurde.
Woher kommt die 4%-Regel?
1994 veröffentlichte der Finanzberater William Bengen eine Studie, die heute als Grundlage der FIRE-Bewegung gilt. Bengen untersuchte, wie sich ein Portfolio aus Aktien und Anleihen über verschiedene 30-Jahres-Zeiträume entwickelt — inklusive Großer Depression, Weltkrieg, Ölkrise, Dotcom-Crash und Finanzkrise.
Seine Frage: Wie viel kann man jährlich aus einem Portfolio entnehmen, ohne dass es in diesen 30 Jahren aufgebraucht wird?
Das Ergebnis: 4 % pro Jahr.
Wer ein Portfolio von 500.000 Euro hat und jährlich 4 % — also 20.000 Euro — entnimmt, hat in fast allen historischen Szenarien nach 30 Jahren noch Geld übrig. In vielen Szenarien deutlich mehr als am Anfang.
Seither wurde die Studie vielfach repliziert, erweitert und kritisiert. Aber die Kernaussage ist robust geblieben: 4 % ist eine tragfähige Entnahmerate für einen langen Zeitraum — wenn das Portfolio breit in Aktien investiert ist.
Die Rechnung: Dein persönlicher FIRE-Betrag
Die 4%-Regel lässt sich in zwei Richtungen nutzen:
Entnehmen: Wer weiß, wie viel er pro Jahr braucht, multipliziert das mit 25. Das ist sein Zielkapital.
Prüfen: Wer schon Kapital hat, multipliziert es mit 0,04. Das ist sein theoretisches Jahresbudget ohne Arbeit.
Konkrete Beispiele:
| Jährliche Ausgaben | Benötigtes Kapital (25x) |
|---|---|
| 15.000 Euro | 375.000 Euro |
| 20.000 Euro | 500.000 Euro |
| 24.000 Euro | 600.000 Euro |
| 30.000 Euro | 750.000 Euro |
| 40.000 Euro | 1.000.000 Euro |
| 60.000 Euro | 1.500.000 Euro |
Wer monatlich 2.000 Euro braucht, braucht 600.000 Euro investiertes Kapital. Nicht mehr. Kein Haus in bester Lage, keine Millionen aus dem Nichts — sondern ein konsequent aufgebautes, breit gestreutes Portfolio.
Warum die Ausgaben wichtiger sind als das Einkommen
Hier liegt der entscheidende Kniff, den viele übersehen: Die 4%-Regel zeigt nicht, wie viel du verdienen musst — sie zeigt, wie wenig du ausgeben musst.
Wer monatlich 3.500 Euro ausgibt, braucht 1.050.000 Euro. Wer monatlich 2.000 Euro ausgibt, braucht 600.000 Euro. Wer monatlich 1.500 Euro ausgibt, braucht 450.000 Euro.
Ein Unterschied von 500 Euro im Monatsbudget bedeutet einen Unterschied von 150.000 Euro beim Zielkapital. Und gleichzeitig wird das Kapital schneller erreicht — weil mehr gespart wird.
Das klingt nach einem Trick, ist aber einfache Arithmetik. Ausgaben zu senken hat eine doppelte Wirkung: Das Ziel rückt näher, und der Weg dorthin wird schneller.
Kritik und Realität: Was die 4%-Regel nicht kann
Es wäre unehrlich, die Regel zu empfehlen ohne ihre Schwächen anzusprechen.
Erstens: Sie basiert auf US-Marktdaten. Die Studie von Bengen verwendet Daten aus dem amerikanischen Aktienmarkt, der historisch zu den renditestärksten der Welt gehört. Ein europäisches Portfolio hätte in einigen Zeiträumen schlechter abgeschnitten. Die meisten Experten empfehlen deshalb eine breitere internationale Streuung — und eine leicht konservativere Entnahmerate von 3,5 % für längere Zeiträume.
Zweitens: 30 Jahre sind nicht genug. Wer mit 35 aufhört zu arbeiten, plant einen Ruhestand von 50 oder 60 Jahren. Bengens ursprüngliche Studie betrachtete 30-Jahres-Zeiträume. Für deutlich längere Zeiträume empfehlen viele Finanzforscher eine Entnahmerate von 3,5 % statt 4 % — was einem Zielkapital vom 28-fachen der Jahresausgaben entspricht.
Drittens: Steuern, Inflation und Gesundheitskosten variieren. In Deutschland müssen Kapitalerträge versteuert werden. Die Abgeltungssteuer von 25 % plus Soli knabbert an den Entnahmen. Wer seine Zahlen plant, muss das einrechnen. Ein grober Richtwert: Die tatsächlich entnehmbare Nettosumme liegt etwa 20–25 % unter der Brutto-Entnahme, je nach persönlicher Steuersituation.
Viertens: Das Modell setzt ein statisches Budget voraus. In der Realität variieren Ausgaben. Manche Jahre sind teurer (Krankheit, große Reisen, Kinder), andere günstiger. Wer flexibel reagieren kann — in schlechten Börsenjahren etwas weniger entnimmt, in guten etwas mehr — verbessert die Überlebenswahrscheinlichkeit des Portfolios erheblich.
Eine pragmatische FIRE-Formel für Deutschland
Wer in Deutschland plant, sollte mit ein paar Anpassungen rechnen:
- Entnahmerate: 3,5 % statt 4 % (längerer Zeitraum, Steuern)
- Zielkapital: 28–30x statt 25x der Jahresausgaben
- Puffer: 1–2 Jahre Ausgaben in Cash oder Tagesgeld als Puffer für schlechte Börsenphasen
- Gesetzliche Rente einrechnen: Wer in Deutschland gearbeitet hat, hat Rentenansprüche. Diese können den FIRE-Betrag erheblich senken. Wer ab 67 mit 800 Euro gesetzlicher Rente rechnet (9.600 Euro/Jahr), braucht aus seinem Portfolio entsprechend weniger.
Das sieht dann so aus: Wer monatlich 2.400 Euro braucht (28.800 Euro/Jahr) und ab 67 mit 800 Euro Rente rechnet, muss aus dem Portfolio nur 19.200 Euro pro Jahr finanzieren — und braucht damit ein Kapital von nur rund 550.000 statt 720.000 Euro.
Die gesetzliche Rente wird in FIRE-Diskussionen oft komplett ignoriert. Das ist unnötig pessimistisch.
Was tun, wenn die Zahl unerreichbar klingt?
600.000 Euro. 800.000 Euro. Für viele klingt das nach einer anderen Welt.
Zwei Gedanken dazu:
Gedanke 1: Teilfinanzielle Unabhängigkeit ist real. Wer nicht 100 % seines Lebensunterhalts aus dem Portfolio finanziert, sondern nur 50 % — und den Rest durch gelegentliche, selbst gewählte Arbeit deckt — braucht nur die Hälfte des Kapitals. Dieses Modell nennt sich “Coast FIRE” oder “Barista FIRE” und ist für viele der pragmatischere Einstieg.
Gedanke 2: Zinseszins braucht Zeit, nicht Talent. Wer monatlich 500 Euro investiert und 25 Jahre wartet, hat — bei historisch durchschnittlicher Marktentwicklung — am Ende rund 400.000 Euro. Wer 800 Euro investiert, kommt auf über 640.000 Euro. Kein Insider-Wissen. Keine Börsenprognose. Nur ein laufender ETF-Sparplan und genug Geduld, ihn in Ruhe zu lassen.
Die wichtigste Zahl im Leben
Die meisten Menschen kennen ihren Nettolohn auf den Cent genau. Die wenigsten kennen ihre jährlichen Ausgaben. Kaum jemand hat je den Betrag berechnet, den er bräuchte, um nie wieder arbeiten zu müssen.
Dabei ist genau das der Ausgangspunkt. Nicht das Einkommen erhöhen. Nicht auf den Lottogewinn warten. Sondern eine Zahl kennen.
Schreib deine monatlichen Ausgaben auf. Multipliziere sie mit 12. Dann mit 25. Das ist dein FIRE-Betrag — ungefähr, als erster Schätzwert.
Was passiert, wenn du diese Zahl vor dir siehst? Für manche ist es ernüchternd. Für andere ist es das erste Mal, dass das Ziel überhaupt greifbar wird.
Beides ist ein guter Anfang.
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