Es gibt immer wieder einen Moment, in dem Befürworter aktiver Fonds sagen: „Jetzt ist es endlich so weit. Jetzt ist die Stunde der Stockpicker.”
Die Logik klingt plausibel: Aktive Manager sollten dann besonders gut abschneiden, wenn die Unterschiede zwischen guten und schlechten Aktien groß sind. Wenn einzelne Aktien sich stark unterscheiden — einige steigen 100 %, andere fallen 50 % — dann müsste ein fähiger Manager diese Unterschiede ausnutzen können.
2024 war ein solches Jahr. Die Streuung zwischen den besten und schlechtesten Aktien war enorm. Nvidia legte über 170 % zu. Andere Tech-Giganten ebenfalls. Energiewerte stiegen. Pharma-Aktien liefen auseinander.
Das ideale Umfeld für aktive Manager.
Und trotzdem schlugen die meisten aktiven Fonds ihren Vergleichsindex nicht.
Das Muster wiederholt sich seit Jahrzehnten — und es hat strukturelle Gründe.
Die Datenlage ist eindeutig
Die SPIVA-Studie (S&P Indices Versus Active) von S&P Dow Jones Indices ist die umfassendste Auswertung der Frage, wie oft aktive Manager ihre Benchmark schlagen. Die Ergebnisse werden halbjährlich für Dutzende von Märkten veröffentlicht.
Die Zahlen für Europa und Deutschland:
- Über 1 Jahr: Rund 50–60 % der aktiv verwalteten Aktienfonds schneiden schlechter ab als ihr Vergleichsindex.
- Über 5 Jahre: Rund 70–80 % der Fonds liegen unter dem Index.
- Über 10 Jahre: Rund 85–90 % der Fonds liegen unter dem Index.
- Über 15 Jahre: Über 90 % der Fonds liegen unter dem Index.
Das ist keine schlechte Stichprobe. Das ist die gesamte Fondsbranche, gemessen über Jahrzehnte.
Wichtig: Diese Zahlen berücksichtigen bereits den sogenannten Survivorship Bias. Fonds, die geschlossen oder mit anderen zusammengeführt werden, weil sie zu schlecht performen, tauchen in historischen Vergleichen oft nicht auf — was die Zahlen künstlich verbessert. Wenn man auch diese Fonds einbezieht, ist die Underperformance sogar noch größer.
Warum aktive Manager strukturell benachteiligt sind
Selbst die klügsten Fondsmanager kämpfen gegen strukturelle Faktoren, die unabhängig von ihrer Fähigkeit wirken.
1. Kosten sind der verlässlichste Renditekiller.
Ein aktiv verwalteter Aktienfonds kostet in Deutschland typischerweise 1,0–2,0 % pro Jahr an Verwaltungsgebühren. Dazu kommen versteckte Transaktionskosten durch häufiges Handeln. Ein kostengünstiger ETF auf denselben Index kostet 0,05–0,20 % pro Jahr.
Um den Index zu schlagen, muss ein aktiver Manager die Differenz erst einmal aufholen — jedes Jahr, verlässlich. Das ist eine hohe Hürde.
Wenn der Markt in einem Jahr 8 % liefert, muss ein Fonds mit 1,5 % Jahresgebühr mindestens 9,5 % vor Kosten erzielen, um nach Kosten gleichauf zu liegen. Das klingt machbar. Über zwanzig Jahre, in denen dieser Mehraufwand jedes Jahr anfällt und verzinst wird, ist der Unterschied massiv.
2. Die Größe des Marktes ist gegen sie.
Aktive Fonds sind kollektiv der Markt. Sie handeln miteinander. Wenn ein aktiver Manager eine Aktie kauft, weil er glaubt, dass sie unterbewertet ist, verkauft ein anderer aktiver Manager diese Aktie, weil er sie für überbewertet hält.
In der Summe kann die Branche nicht besser als der Index sein — weil sie der Index ist. Abzüglich Kosten ist das Gesamtergebnis aller aktiven Manager immer schlechter als der Markt.
Das ist keine Meinung. Das ist Mathematik. Der Ökonomie-Nobelpreisträger William Sharpe hat es 1991 in einem kurzen Papier formalisiert: „The Arithmetic of Active Management.” Die Gleichung gilt unabhängig davon, wie klug oder dumm die Manager sind.
3. Marktkonzentration macht Outperformance fast unmöglich.
2024 — und bereits in den Jahren davor — konzentrierten sich die Kursgewinne des S&P 500 stark auf wenige Mega-Cap-Aktien. Die sogenannten „Magnificent Seven” (Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Tesla, Nvidia) machten zeitweise einen erheblichen Teil der Marktkapitalisierung aus.
Für aktive Manager ist das ein strukturelles Problem: Sie unterliegen Diversifikationsregeln. Ein regulierter Fonds in Deutschland darf typischerweise nicht mehr als 10 % seines Vermögens in einer einzigen Aktie halten. Der Index hat keine solchen Beschränkungen.
Wenn Nvidia allein den S&P 500 um mehrere Prozentpunkte nach oben zieht, kann ein Fonds, der Nvidia mit 5 % gewichtet (im Index: zeitweise über 7 %), diesen Effekt nicht vollständig abbilden — selbst wenn er Nvidia im Portfolio hat.
4. Menschliche Verhaltensverzerrungen betreffen auch Profis.
Professionelle Fondsmanager sind keine rationalen Maschinen. Sie unterliegen denselben kognitiven Verzerrungen wie Privatanleger — oft noch verstärkt durch den Druck, kurzfristig gute Ergebnisse zu liefern.
Ein bekanntes Phänomen: Window Dressing. Fondsmanager kaufen kurz vor dem Quartalsende Aktien, die im Quartal gut liefen — damit der Quartalsbericht gut aussieht. Das hat nichts mit fundamentalen Überzeugungen zu tun. Es ist Imagemanagement auf Kosten der Anleger.
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Die Ausnahmen und warum sie wenig helfen
Es gibt aktive Manager, die ihren Index langfristig schlagen. Warren Buffett ist der bekannteste. Peter Lynch. Joel Greenblatt. Eine Handvoll anderer.
Aber zwei Probleme bleiben:
Problem 1: Im Voraus lassen sie sich kaum identifizieren.
Die Karriere von Warren Buffett ist leicht im Rückblick zu analysieren. Im Jahr 1970 — bevor seine Erfolge sich entfalteten — hätte man ihn unter Dutzenden cleveren Value-Investoren eingeordnet. Welcher davon würde tatsächlich fünfzig Jahre lang außergewöhnlich performen?
Wir können vergangene Gewinner identifizieren. Zukünftige nicht. Und vergangene Performance ist — wie SPIVA zeigt — kein verlässlicher Indikator für künftige Performance.
Problem 2: Die besten Manager haben oft kein Retail-Angebot.
Der beste Fonds der Welt ist oft für Privatanleger nicht zugänglich — er hat ein Mindesteinstiegsvolumen von einer Million Dollar oder ist für Institutionen reserviert. Hedge Funds wie Renaissance Technologies (Medallion Fund) erzielen tatsächlich dauerhaft außerordentliche Renditen — aber du kannst dort nicht investieren.
Was für Privatanleger zugänglich ist, ist in der Regel der breite Markt an regulierten Fonds. Und genau dieser Markt zeigt die bekannten Underperformance-Muster.
Was das für deutsche Anleger bedeutet
In Deutschland ist das Thema besonders relevant. Viele Anleger investieren über ihre Bank oder Versicherung — in aktiv verwaltete Fonds, die oft hohe Ausgabeaufschläge (bis zu 5 %) und laufende Kosten von 1,5–2 % haben.
Das Bewusstsein für ETFs wächst, aber langsam. Laut Statistiken des BVI waren Ende 2023 noch rund 60 % des in Publikumsfonds investierten Vermögens in aktiv verwalteten Fonds — trotz des Jahrzehnte langen Nachweises ihrer strukturellen Kostennachteile.
Ein Beispiel zur Verdeutlichung:
- Anleger A investiert 500 Euro monatlich in einen aktiven Fonds mit 1,5 % Jahreskosten.
- Anleger B investiert 500 Euro monatlich in einen ETF mit 0,2 % Jahreskosten.
- Beide erzielen denselben Brutto-Marktertrag von 7 % pro Jahr über 30 Jahre.
Anleger A: Endvermögen ca. 492.000 Euro. Anleger B: Endvermögen ca. 566.000 Euro.
Der Unterschied: rund 74.000 Euro — ausschließlich durch Kosten, nicht durch unterschiedliche Marktentwicklung.
Gibt es ein sinnvolles Argument für aktive Fonds?
Ja. In bestimmten Nischen können aktive Manager Mehrwert schaffen:
- Illiquide Märkte: Small Caps in Schwellenländern, Hochzinsanleihen in Nischenmärkten — wo Informationsasymmetrien größer sind und ETFs weniger effizient abbilden.
- Absolute-Return-Strategien: Fonds, die unabhängig vom Markt positive Renditen anstreben — allerdings oft mit hoher Korrelation zu einfacheren Lösungen.
- Faktor-ETFs: Eigentlich passive Produkte, aber sie replizieren aktive Strategien (Value, Momentum, Quality) zu ETF-Kosten. Das ist die sinnvollste Synthese.
Für den Kern eines deutschen Privatanleger-Portfolios — breit diversifizierte Aktien, entwickelte Märkte, langer Zeithorizont — ist ein kostengünstiger ETF die überlegenere Wahl. Nicht weil aktive Manager dumm sind. Sondern weil die strukturellen Kosten zu hoch und die Hürde, sie zu überkompensieren, zu groß ist.
Der einfachste Test
Wenn du einen aktiven Fonds hältst oder kaufen willst, stelle diese drei Fragen:
- Was kostet er? Wenn die TER (Total Expense Ratio) über 0,5 % liegt, hat er eine hohe Hürde zu überwinden.
- Was ist seine Track-Record? Mindestens zehn Jahre, am besten fünfzehn. Nicht drei Jahre.
- Hat der Manager einen nachvollziehbaren Prozess? Nicht: er hat zuletzt gut performt. Sondern: Warum wird er auch in Zukunft gut performen?
Wenn die Antworten nicht überzeugend sind — und das sind sie meistens nicht — ist ein ETF die bessere Entscheidung.
Das Marktschlagen ist nicht unmöglich. Es ist nur für die überwiegende Mehrheit der Fonds, über die überwiegende Mehrheit der Zeit, statistisch unwahrscheinlich.
Der Einfluss von Index-Konzentrationen auf aktive Manager
Ein strukturelles Problem für aktive Manager in der modernen Marktlandschaft ist die zunehmende Konzentration der Marktindizes auf wenige Mega-Cap-Aktien.
Seit 2020 haben die sogenannten „Magnificent Seven” — Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Tesla und Nvidia — einen wachsenden Anteil am S&P 500 eingenommen. Zu Spitzenzeiten machten diese sieben Unternehmen über 30 % der Gesamtmarktkapitalisierung des S&P 500 aus.
Das stellt aktive Manager vor eine strukturelle Falle. Sie haben üblicherweise Positionslimits — keine einzelne Aktie darf mehr als 5–10 % des Portfolios ausmachen. Wenn aber Nvidia allein 6–7 % des Index ausmacht und im Jahresverlauf 170 % steigt, kann kein regulierter aktiver Fonds diese Bewegung vollständig abbilden.
Das Ergebnis: Selbst aktive Manager, die Nvidia im Portfolio hatten und eine gute Analyse vorwiesen, schnitten gegenüber dem Index schlechter ab — nicht wegen schlechter Einschätzung, sondern wegen regulatorischer Einschränkungen.
Warum aktive Fonds in Deutschland trotzdem dominieren
Die Daten sprechen klar gegen aktive Fonds. Trotzdem fließen in Deutschland noch immer Milliarden in aktiv verwaltete Produkte. Warum?
Vertriebsstruktur. Das Bankensystem in Deutschland ist traditionell auf den Verkauf eigener Produkte ausgerichtet. Filialberater bei Sparkassen, Volksbanken und Großbanken verkaufen häufig hauseigene Fonds — für die sie Vertriebsprovisionen erhalten. Ein günstiger ETF generiert keine Provision.
Regulierungshistorie. Die MiFID II-Richtlinie der EU hat Provisionen in der Anlageberatung transparenter gemacht — aber nicht vollständig eliminiert. Anlageberatung auf Provisionsbasis ist in Deutschland weiterhin erlaubt, im Gegensatz z. B. zum Niederlande-Modell der reinen Honorarberatung.
Informationsasymmetrie. Viele Privatanleger wissen nicht, was ein ETF ist, wie er funktioniert und welche Kosten ihr aktiver Fonds wirklich hat. Die Aufklärungsarbeit findet vor allem online statt — und erreicht noch immer nicht alle Bevölkerungsgruppen.
Vertrautheit und Komfort. „Mein Bankberater empfiehlt das” ist für viele Anleger ein ausreichendes Qualitätsmerkmal. Das ist menschlich verständlich — aber oft teuer.
Wann aktive Strategien tatsächlich Sinn ergeben
Trotz der eindeutigen SPIVA-Daten gibt es Bereiche, in denen aktives Management strukturelle Vorteile haben kann:
Illiquide Märkte: Small-Cap-Aktien aus Schwellenländern, High-Yield-Anleihen in Nischenmärkten, Private Equity. Hier sind Informationsasymmetrien größer und ETFs weniger effizient. Ein guter Manager kann echten Mehrwert schaffen.
Absolute-Return-Strategien: Fonds, die versuchen, unabhängig von Marktbewegungen positive Renditen zu erzielen. Das funktioniert in der Praxis seltener als versprochen — aber das Konzept ist legitim.
Faktor-ETFs: Eigentlich passive Produkte, die systematisch auf akademisch belegte Faktoren (Value, Momentum, Quality, Low Volatility) setzen. Sie replizieren aktive Strategien zu ETF-Kosten. Das ist die sinnvollste Synthese — und für viele Anleger eine gute Ergänzung zum Kern-Portfolio.
Für den Kern eines deutschen Privatanleger-Portfolios — breit diversifizierte Aktien, entwickelte Märkte, langer Zeithorizont — ist ein kostengünstiger ETF die überlegene Wahl. Nicht wegen Überzeugung, sondern wegen Mathematik.